MÜNCHEN (Bayerisches Nationalmuseum):

"Stickereien aus dem Zeitalter der Königin Elisabeth I."

Die Kultur der Nadelstiche kann aufs lebendigste den Geist und das Wesen einer weltgeschichtlichen Epoche bezeugen, und zwar in unmittelbarer Beziehung zu den Persönlichkeiten, die diese Epoche bewegten. Ein höchst eindrucksvolles Beispiel dafür ist (bis zum 19. April) im Bayerischen Nationalmuseum, München, zu erleben: Die Ausstellung von Stickereien aus dem Zeitalter der Königin Elisabeth I. von England. Diese einzigartige Schau wurde bisher nur in Rotterdam und Kopenhagen gezeigt. München ist die dritte und letzte Station. Zusammengestellt wurde sie vom British Council und der Direktion des Victoria- and Albert-Museums in London. Zu den zahlreichen Leihgaben aus englischen, schottischen, kanadischen und amerikanischen Sammlungen steuerte Königin Elisabeth II. ein lebensgroßes Porträt der ersten Elisabeth in einer gestickten Prunkrobe bei. Man kann bei Betrachtung der ausgestellten Reichtümer den Eindruck gewinnen, daß es sich bei diesen luxuriösen bestickten Handschuhen, Behängen und Gewändern fast mehr noch als um ein blühendes Kunsthandwerk um einen aristokratischen Kult handelte. Darauf läßt die vielen Stücken gemeinsame Bildersprache schließen: die gleichen zoologischen und botanischen Allegorien, deren Deutung zumeist im Heraldischen, aber auch im Moralischen und Religiösen zu finden ist, kehren immer wieder, in der Formgebung abgewandelt und auch zu Ornamenten stilisiert. Bezeichnend für den weitgetriebenen Symbolismus ist auch die bildliche Thematik der Kissen und Bettvorleger, auf welch letzteren ovidische Mythen mit biblischen Motiven vom Paradies bis zum Vergänglichkeitsgleichnis abwechseln. übrigens entsprangen solche beziehungsvollen Sticheleien keineswegs, wie man aus heutiger Perspektive vermuten möchte, vornehmlich Frauenhänden, Sie wurden vielmehr überwiegend von geübten Männern entworfen und ausgeführt. Doch konnten wohl auch hochgestellte Damen in die Lage kommen, ihre Zuflucht bei der beschaulichen Arbeit zu suchen. Wie denn auch die unglückliche Maria Stuart in Gesellschaft ihrer adligen Bewacherin die Nadelkunst pflegte. a-th

MÜNSTER (Landesmuseum)

"Westfälische Malerei des 14. Jahrhunderts"

Die Ausstellung wurde von Paul Pieper, dem Kustos des Landesmuseums, seit mehreren Jahren vorbereitet. Sie ist ein künstlerisches und kunsthistorisches Ereignis. Eine deutsche, eine europäische Kunstprovinz, die der Wissenschaft nur ganz unvollkommen, der Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nicht bekannt war, wird hier in glanzvollen Beispielen aufgetan. Jede künftige Publikation über die Tafelmalerei der Hochgotik wird das in Münster ausgestellte Material berücksichtigen müssen. Es handelt sich in der Hauptsache um sieben große Altäre des 14. Jahrunderts, die meisten befinden sich noch heute in den Kirchen, für die sie geschaffen wurden, in kleinen und entlegenen, kaum besuchten Orten wie Hofgeismar und Netze. Drei Altäre sind gerade restauriert und werden nun, bevor sie wieder in ihre Kirchen kommen, in Münster mit den anderen Altären der Zeit und den Einzeltafeln zum erstenmal in den Zusammenhang einer stilgeschichtlichen Entwicklung eingefügt. Für die Beurteilung von Meister Bertram, dem einzigen namentlich bekannten und genau fixierbaren deutschen Maler dieser Epoche, ergeben sich neue und überraschende Aspekte. Nicht die Frage ist wichtig, ob er nach seinem Geburtsort Minden als Westfale oder nach der Stadt seines fünfzigjährigen Wirkens als Hamburger oder einfach als Niederdeutscher zu gelten hat. Aber durch den Vergleich mit den zeitlich voraufgehenden Altären von Netze und Paderborn wird es möglich, sein Werk nicht mehr gänzlich isoliert zu betrachten, sondern es mit der westfälischen Tradition zu verknüpfen; und das ist näherliegend und einleuchtender als die verbreitete Hypothese vom Einfluß der böhmischen Malerei auf Meister Bertram. Sein Generationsgenosse, ein Maler von europäischem Rang, "der für das allgemeine Bewußtsein noch zu entdecken ist" (Pieper), ist der Meister des Berswordt-Altars (das Werk gehört der Dortmunder Marienkirche). Dieser Altar ist der künstlerische Höhepunkt der Münsteraner Ausstellung. Mit dem Mittelbild der Kreuzigung, der Kreuztragung auf dem linken und der Grablegung auf dem rechten Flügel ist der Flügelaltar das letzte und stärkste Werk der westfälischen Hochgotik, bevor sie nach 1400 in den gesamteuropäischen "weichen Stil" einmündet. Die Kraft der Farben und ihre kühne Kombination, das stärkste Rot neben Violett und Silber vor einem fast schwarzen Braun, ist in der Malerei des Jahrhunderts ohne Parallele. Das zweite Hauptwerk dieses Meisters, die große Bilderbibel des Bielefelder Altars, wirkt dagegen zahm und konventionell, es dürfte sich bis auf das Mittelbild um eine Werkstattarbeit handeln. Den Beschluß der Ausstellung bildet die Nikolaustafel des Konrad von Soest, sehr viel weicher, melodischer, gefühlsbeladen, ein Frühwerk des Meisters, das einzige, das noch ins 14. Jahrhundert zu datieren ist – der Wildunger Altar, aus dem 1. Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, wird, um die zeitliche Grenze einzuhalten, in Münster nicht gezeigt. Die Ausstellung dauert bis zum 27. Mai. Im Katalog sind sämtliche Werke, einige in Farben und viele überhaupt zum erstenmal, reproduziert.

WIESBADEN (Museum):