J. S., Washington, im April

Die Reaktion der amerikanischen Regierung zum Umsturz in Brasilien und die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Panama (nach einem dreimonatigen fruchtlosen Wortwechsel um die Revision des Vertrages über die Kanalzone) lassen Anzeichen für einen Wandel der Lateinamerika-Politik unter Präsident Johnson erkennen. Jener im Zeichen der "Allianz für den Fortschritt" beachtete Grundsatz, neuen Militärdiktaturen in Südamerika vorübergehend die Anerkennung, das Wohlwollen und die Wirtschaftshilfe der USA zu entziehen, um sie auf den Pfad demokratischer Tugend zu bringen, ist aufgegeben worden.

Nicht mehr die demokratische oder diktatorische Struktur einer Regierung in Süd- und Mittelamerika sei, so hat Thomas C. Mann, der Staatssekretär für interamerikanische Angelegenheiten, jetzt erklärt, für die Einstellung der Vereinigten Staaten ausschlaggebend, sondern ihre Haltung gegenüber Washington und in der Organisation amerikanischer Staaten. Daher übermittelte Johnson den Rebellen in Brasilien, kaum daß sie Präsident Goulart vertrieben hatten, seine wärmsten Wünsche, pries die Ereignisse als eine gute Woche für die westliche Hemisphäre und ließ Außenminister Rusk die Verstärkung der auf ein Minimum zusammengeschrumpften Wirtschaftshilfe aus den USA in Aussicht stellen.

In der amtlichen Sprachregelung Washingtons wurde dieses Entgegenkommen zwar damit begründet, die rebellischen Militärs hätten lediglich eine Linksdiktatur Goularts verhindert, den Übergang durch die schnelle Vereidigung des Kammerpräsidenten Mazzilli zum neuen Staatsoberhaupt verfassungsmäßig vollzogen. Tatsächlich aber ist das Verhalten Washingtons ein Wechsel vom Dogmatismus zum Pragmatismus und im Falle Brasiliens – des an Bevölkerung, Ausdehnung und Bedeutung wichtigsten lateinamerikanischen Landes – von zwingenden wirtschaftlichen Faktoren bestimmt.

Die amerikanischen Investitionen belaufen sich in Brasilien auf rund 1,1 Milliarden Dollar, die Verschuldung der Brasilianer in den USA auf nochmals rund zwei Milliarden Dollar. Die verheerende Inflation, der wachsende soziale Radikalismus schufen Gefahrenherde; der amerikanische Präsident mußte sich daher ohne Zögern mit einem Regime einverstanden erklären, daß die Rückkehr zur Stabilität verspricht.

Johnsons Formel für die Wiederherstellung der Beziehungen zu Panama, in der "Verhandlungen ohne Begrenzung und ohne Vorbedingungen irgendwelcher Art" vorgesehen werden, verrät die gleiche realistische Einsicht. Die Panamesen haben damit die Gewähr, daß über die Revision des Kanal Vertrages von 1903 beraten wird, und Johnson kann den amerikanischen Ultras in der Kanalzone und zu Hause glaubwürdig versichern, er habe keinen Blankoscheck unterschrieben. Zwischen den Wahlen in Panama (im Mai) und denen in den USA (im November) bleibt dann immer noch Zeit genug, sich über die materiellen Bedingungen zu verständigen, die sich aus dem Anspruch Panamas ergeben, die fast uneingeschränkte Souveränität der USA in der Kanalzone einzuschränken.

Die neue Politik gegenüber Brasilien und Panama könnte jedenfalls den politischen Einfluß Washingtons in Lateinamerika wieder beträchtlich festigen.