Von Walter Widmer

Rezensenten stürzen sich im allgemeinen nicht auf dicke Bücher – aus verständlichen Gründen: Neunhundert Seiten zu lesen, genau zu lesen, lohnt sich das? Mir sind dicke Bücher lieb, der "Zauberberg" wie "Krieg und Frieden" oder Thelens "Insel des zweiten Gesichts". Man lebt eine Zeitlang in einer anderen Welt, verzaubert, weltvergessen, glücklich. Voraussetzung ist freilich, daß das Buch einen zu verzaubern vermag.

Laszlo Nemeths bisher letzter Roman ist ein solches Zauberbuch. Man kommt nicht mehr los von ihm –

Laszlo Németh: "Esther Egetö", Roman, aus dem Ungarischen von Eva Szabo und Christian Coler; Steingrüben Verlag, Stuttgart; 880 S., 29,– DM.

Németh ist nicht mit Pauken und Trompeten ins Bewußtsein der deutschen Leser gedrungen, auch nicht auf den Wogen eines politischen oder weltanschaulichen Eklats, etwa als Opfer einer Staatsräson oder als spektakuläres Objekt einer irgendwie gearteten Demonstration östlicher oder westlicher Ideologien. Fast ohne Aufsehen beginnt sein Werk ins deutsche Sprachgebiet einzusickern

Im Herbst 1959 war es der Roman "Wie der Stein fällt", ein hartes, unerbittliches, meisterhaft komponiertes Werk, das uns ein Ungarn ohne jene Operettenschminke à la Czardasfürstin, ohne schmalzenden Zigeunerprimas und tokajerseligen Lebemagnaten zeigt, ein Ungarn der Bauern und Kleinbürger, das bei uns kaum bekannt ist.

Dann folgte 1962 ein Band Essays, "Die Revolution der Qualität" (Steingrüben Verlag, Stuttgart; 350 S., 22,– DM), eine kleine, treffliche Auswahl aus der Unmenge der Essays Nemeths, die insgesamt fünfzehn Bände füllen würden. Außerdem hat Németh neun Romane, mehr als zwanzig Dramen geschrieben und seit 1932 eine eigene Zeitschrift, Tanu (Der Zeuge), herausgegeben. Eigen in einem besonderen Sinn: die siebzehn umfänglichen Hefte enthalten ausschließlich Arbeiten des Herausgebers.