Von Oskar Anweiler

Ich leite eine elfklassige Schule, in der 1380 Schüler unterrichtet werden berichtete A. J. Totschin, Direktor der 50. Mittelschule in Minsk, vor den Teilnehmern des II. Internationalen Polytechnischen Seminars im Oktober 1962 in Halle an der Saale. "Seit vielen Jahren schon ist das Minsker Radiowerk, das Radiogeräte, Plattenspieler und Fernsehgeräte. herstellt, der Patenbetrieb unserer Schule. Wir bilden die Schüler in den oberen Klassen in einem Beruf aus und beziehen sie in eine qualifizierte Produktionsarbeit ein. Die Schüler erlernen den Beruf des Radiomonteurs, Drehers oder Werkzeugschlossers. Gerade diese Berufe sind im Betrieb gefragt. Unsere Absolventen werden vom Betrieb sehr gern aufgenommen. Sie verfügen ja außer der beruflichen Qualifikation über eine sehr gute allgemeine und polytechnische Bildung."

Wie hier in der Hauptstadt Weißrußlands waren im Schuljahr 1962/63 allein in der Russischen Föderation, der größten der fünfzehn Sowjetrepubliken der UdSSR, etwa 1,28 Millionen Schüler der Oberklassen auf diese oder ähnliche Weise in den Produktionsprozeß eingegliedert, in der Ukraine weitere 426 000. Mit ähnlichen Berichten wie der Minsker Schuldirektor konnten aber auch die anderen, nichtrussischen Teilnehmer dieser Gemeinschaftsveranstaltung der "sozialistischen Länder" aufwarten – Pädagogen aus der DDR, Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und sogar aus Kuba. Zwei Jahre zuvor, auf dem I. Polytechnischen Seminar in Moskau, waren auch noch chinesische Funktionäre dabeigewesen, denn auch China nimmt an jener revolutionären Umgestaltung der herkömmlichen Schule teil, die den Ostblockländern seit mehreren Jahren das Gepräge gibt.

Ihre Stichworte lauten:Verbindung der Schule mit der Produktion und polytechnische Bildung. Seit Nikita Chruschtschow im Jahre 1958 der damaligen sowjetischen Schule in einer fulminanten Kritik "Entfremdung vom Leben und Loslösung von der Produktion" vorgeworfen hatte, stehen die pädagogischen Probleme im Übergangsbereich von Schule und Arbeitswelt im Zentrum der öffentlichen Diskussion jener Länder. Westliche Beobachter, die das am 24. Dezember 1958 vom Obersten Sowjet erlassene "Gesetz über die Festigung der Verbindung der Schule mit dem Leben" und die anderen Dokumente der Chruschtschowschen Schulreform unter die Lupe nahmen, waren manchmal allzu rasch bei der Hand, hinter den langfristigen schulpolitischen, Maßnahmen der Sowjetregierung nichts anderes zu sehen als eine raffinierte Form der Kinderarbeit und der Ausbeutung jugendlicher Arbeitskraft durch den staatskapitalistischen Riesenunternehmer. Man übersah dabei, daß die kommunistischen Reformen auf ihre Weise eine Antwort zu geben suchen auf jene umfangreiche Problematik von Schule und Arbeitswelt, Technik und Bildung, Gesellschaft und Erziehung, die für die meisten zivilisatorisch hochentwickelten Länder der Welt zahlreiche ähnliche Fragen aufwirft und die den heutigen internationalen Zusammenhang der pädagogischen Themen und Aufgaben begründet, den man gerade in Deutschland nur allzuleicht vergißt.

Die Art der Antwort freilich ist auch in diesen Falle abhängig von den ideologischen Maximen, den politischen Machtverhältnissen und der ökonomischen Struktur in den kommunistisch regierten Ländern, im Unterschied zu den westeuropäischen und nordamerikanischen Demokraten. Der geistige Ursprung jener leitenden Ideen der heutigen kommunistischen Schulreformen liegt indessen in Westeuropa selbst: vor knapp hundert Jahren gab Karl Marx dem pädagogischen Programm des Kommunismus jene prägnante Formulierung, die bis heute das ideologische Fundament aller praktischen Maßnahmen darstellt. Marx schrieb 1866: "Unter Bildung verstehen wir drei Dinge: Erstens – geistige Bildung. Zweitens – körperliche Ausbildung. Drittens – polytechnische Erziehung, welche die allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätze aller Produktionsprozesse mitteilt und die gleichzeitig das Kind und die junge Person einweiht in den praktischen Gebrauch und in die Handhabung der elementaren Instrumente aller Geschäfte (Produktionsinstrumente)."

Obwohl Marx selbst den Ausdruck polytechnische Erziehung nicht benutzt hat – im englischen Original des eben zitierten Textes steht "technological training" –, so hat doch erst durch den Marxismus der schon seit der Pariser Ecole polytechnique von 1794 gebräuchliche Begriff die programmatische Bedeutung von heute erlangt. Freilich dauerte es mehr als ein halbes Jahrhundert, bis jene Marxschen Gedankensplitter reale Bedeutung gewannen. Als sich im Jahre 1917 in Rußland Lenin und seine pädagogisch gebildete Frau Nadeshda. Krupskaja in einen technisch und industriell noch weit zurückgebliebenen Land daran machten, ein neues, sozialistisches Schulsystem aufzubauen, griffen sie auf das polytechnische Bildungsprogramm von Marx zurück. Wie Lenin den Kommunismus als "Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes" bezeichnet hatte, so bedeutetet für ihn die Ausstattung der noch überwiegend bäuerlichen russischen Bevölkerung mit einem "technischen Abc" eine unerläßliche Voraussetzung für die bescheinigte Industrialisierung Rußlands.

Man darf diesen konkreten historischen Hintergrund auch bei der Beurteilung der jüngsten Etappe der polytechnischen Bildung in Rußland nicht aus dem Auge verlieren. Der erste Versuch nach der Revolution war um 1931 gescheitert; es fehlte allenthalben an den einfachsten äußeren Voraussetzungen und an geschultem Lehrpersonal für eine tatsächliche praktische und theoretische Einführung der heranwachsenden Schuljugend in die Produktion. Stalin zog daraus die Konsequenzen, indem er einerseits die benötigten Massenarbeitskräfte in kurzfristigen Kursen anlernte – nicht vielseitig bildete –, und andererseits den Hochschulnachwuchs, das heißt, die künftigen leitenden Spezialisten, in einer zehnklassigen Mittelschule heranzog, die eine sprachlich-mathematisch-naturwissenschaftliche Allgemeinbildung formaler Art vermittelte.