Der Kommunisten-Streit um Gulasch und Revolution

Was sich seit langem am Horizont abgezeichnet hat, nun ist es Ereignis geworden: der Bruch zwischen Peking und Moskau. Es ist ein Ereignis von säkularer Bedeutung, vergleichbar den großen Schismata, die den Lauf der Weltgeschichte verändert haben. Mag auch seine ganze Tragweite erst im Laufe der Zeit offenbar werden, auf jeden Fall ist der Bruch heute unbezweifelbar. Daß er heilbar sei, wirklich zu kitten oder auch nur an der Oberfläche zu verkleben, kann keiner glauben, der die Texte jener Schmähreden und Anklageschriften gelesen hat, mit denen Russen und Chinesen einander in den letzten Tagen bedacht haben.

Chruschtschow hat diesen Bruch nicht gewollt, er suchte ihn zu vermeiden, ja, wünschte eine Versöhnung. Die unablässigen Angriffe der Chinesen auf ihn, auf seine Politik und seine Interpretation des Marxismus-Leninismus zwangen ihn schließlich dazu, den Fehdehandschuh aufzunehmen, den Mao Tse-tung ihm in kühler Entschlossenheit hingeworfen hatte. Jetzt hat der Kremlherr zurückgeschlagen. Seine Reden in Ungarn und die aus Budapest angeordnete Veröffentlichung des Suslow-Referats vom Februar haben die Spaltung besiegelt und die Hoffnung auf eine Beilegung des Konflikts begraben.

"Wir sind uns", so sagte der Parteitheoretiker Suslow, "völlig klar darüber, welche Gefahr die heutige Haltung der chinesischen Führer birgt. Die Tatsachen zeugen davon, daß ein ernster und wahrscheinlich langwieriger Kampf um die Festigung der Einheit aller sozialistischen Kräfte, für die Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen dem sowjetischen und dem chinesischen Volk bevorsteht." Ein langwieriger Kampf: Die Moskauer Führer, so heißt es in der sowjetischen Hauptstadt, stellen sich darauf ein, daß erst die nächste Generation das Ende des Konfliktes erleben wird. Und dies mag sich durchaus noch als eine optimistische Schätzung entpuppen.

Haß-Katalog der Vorwürfe

Das Maß der Entfremdung, der Verbitterung, ja des Hasses zwischen Russen und Chinesen ist letzthin überall deutlich geworden, wo Vertreter der beiden roten Metropolen aufeinandertrafen. Den "verderblichsten aller Revisionisten" und einen Verbündeten der Imperialisten nennen Maos Gefolgsleute den Sowjetpremier. Auf den "Kehrichthaufen der Geschichte" gehöre er, der größte "Kapitulant" und "Verräter"; kaum verhüllt rufen die Chinesen das russische Volk auf, sich Chruschtschows zu entledigen. Umgekehrt brandmarkt Moskau die chinesischen Ideologen als "ultra-revolutionäre Phrasendrescher", als Prediger der Militanz, die sich "in die Gesellschaft der aggressivsten Kreise der Imperialisten" begeben, als Anbeter der Gewalt, verbissene Nationalisten und Rassenfanatiker. Spalter, Neo-Trotzkisten, Großmachtchauvinisten heißen einander übrigens beide Parteien. Doch lassen sie es bei solcher Verdammung nicht bewenden.

In Budapest verweigerte der chinesische Militärattache Nikita Chruschtschow am Grabmal des Unbekannten Soldaten die Ehrenbezeigung; demonstrativ verließ tags darauf eine chinesische Delegation den in der ungarischen Hauptstadt tagenden Kongreß der "Internationalen Vereinigung Demokratischer Juristen"; Tumultszenen gab es auf der Afro-Asiatischen Solidaritätskonferenz in Algier. In Budapest rief die chinesische Delegationsführerin Hart den Russen zu: "Kommt doch, greift uns an! Wir haben keine Angst, wir werden bis zum letzten kämpfen ..."