Im Mittelpunkt aller Börsengespräche steht seit Wochen die Aktie der Deutschen Erdöl AG, Hamburg. Sie hat einen glänzenden Kursaufschwung hinter sich, und zwar einen so kräftiger, daß man sich an der Börse besorgt fragt: Ist die jetzt erreichte Bewertung noch zu rechtfertigen? Viele Aktionäre haben bereits mit "Nein" geantwortet, als sie sich von ihren Papieren trennten. Bei den Verkäufern handelte es sich nicht nur um sogenannte Laien, sondern auch um Großanleger wie Investment-Fonds und Versicherungsgesellschaften. Auch Banken haben DEA-Aktien auf den Markt geworfen. Das ist natürlich nicht verborgen geblieben. Um so intensiver sind die Überlegungen der DEA-Aktionäre, ob sie von dem Angebot der Gesellschaft Gebrauch machen sollen, junge Aktien im Verhältnis 8:1 zum Kurs von 130 Prozent zu übernehmen.

Favoriten der Börse in diesem Jahr sind die deutschen Erdölpapiere. Ihre Gesellschaften gehören fast vollständig dem deutschen "Nordseekonsortium" an, das die im deutschen Nordseeküstengebiet vermuteten umfangreichen Erdgasfelder erschließen soll. Im nordwestdeutschen Raum und in Holland wurden schon beträchtliche Erdgasfelder entdeckt und es ist sicher, daß die neuen Energiequellen zu großen Umwälzungen führen werden. Dieser Aspekt hat die Börse angeregt. Vor allem das Ausland sieht in den einschlägigen deutschen Papieren eine Chance. So kam es, daß die Aktien der DEA, der Preussag, der GBAG und von Wintershall flott zu steigen begannen. Alle bisherigen Bewertungsmaßstäbe wurden über Bord geworfen. "In diesem Jahr trägt man Erdöl", heißt es so sinnig im Börsenjargon.

Die Mode ist aber auch an der Börse eine launische Dame. Deshalb von konservativen Anlageberatern immer wieder die Mahnung: Bei den Erdgaspapieren immer mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Ihr stärkstes Argument: Ehe sich das Erdgas für die Aktionäre auszahlen wird, vergehen noch viele Jahre. Bis dahin kostet die Erschließung Geld, und das wahrscheinlich nicht zu knapp.

Über eines besteht Einmütigkeit. Der Anstieg der DEA-Aktie von 134 Prozent (niedrigster Kurs des Jahres 1963) auf 295 Prozent (höchster Kurs in diesem Jahr), also eine Wertverbesserung um rund 120 Prozent, findet in diesem Umfang keine Parallele in der Entwicklung der Gesellschaft. Selbstverständlich ist im vergangenen Jahr bei der Deutsche Erdöl AG eine Wende zum Besseren eingetreten. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, dürfte dieses Unternehmen seinen Tiefpunkt überwunden haben. Und zugegeben werden muß auch, daß die niedrigen Kurse des vergangenen Jahres eine offensichtliche Übertreibung nach unten darstellten.

Durch einen Aktionärsbrief wissen wir, meine verehrten Leser, daß der Umsatz der Deutschen Erdöl AG 1963 um 21 Prozent auf’1,86 Milliarden DM gestiegen ist. Die aussichtsreichen Geschäftszweige Mineralöl und Chemie haben sich mit einem Umsatzzuwachs von 30 Prozent besonders gut entwickelt. Am Gesamtumsatz machten sie 66 (62) Prozent aus. Die Bedeutung der Kohle geht bei der DEA also zurück – und das kann nur gut sein. Die Verwaltung spricht von einer deutlich gefestigten Ertragskraft, deren Ausmaß jedoch erst in der Bilanz sichtbar werden wird. Sie dürfte im nächsten Monat veröffentlicht werden. Am 25. Juni soll die Hauptversammlung stattfinden.

Der Aktionär wird von den höheren Gewinnen direkt nichts merken. Er wird wieder 10 Prozent Dividende erhalten. Das ist keine Überraschung. 1962 sind 10 Prozent mit einigem Unbehagen verteilt worden. Aber es galt, dem Emissionskredit ein Opfer zu bringen. Die Gesellschaft braucht dringend neues Eigenkapital. Die jetzige Kapitalerhöhung wird für absehbare Zeit sicherlich nicht die letzte sein.

Der in 1963 erzielte Mehrgewinn wird vernünftigerweise zur Konsolidierung der Bilanz verwandt. Obenan steht eine Wertberichtigung, die sich aus der Stillegung der Oleonaphta Chemische Fabrik GmbH, Brunsbüttelkoog, ergibt, an der sich die DEA zusammen mit der Reichhold Chemie AG zu je 50 Prozent beteiligt hatte. Das Gesellschafterkapital der Oleonaphta beträgt 9 Millionen; man kann jedoch davon ausgehen, daß das Oleonaphta-Abenteuer die DEA weit mehr als nur 4,5 Millionen gekostet hat. Die Reichhold Chemie hatte die Oleonaphta schon in der Bilanz per 31. Dezember 1962 voll abgeschrieben. Die DEA zieht verspätet nach.