Bis Mitte Juni wird im Genfer Völkerbundspalast die "Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen" tagen. Fast 2000 Diplomaten, Experten und offizielle Beobachter vertreten dort insgesamt 123 Staaten. Damit übertrifft die Konferenz an Teilnehmerzahl die Friedenskonferenzen der beiden Weltkriege und die Verhandlungen von Bretton Woods und Havanna in den vierziger Jahren; sie ist in der Tat die größte der bisherigen Geschichte. Fast die Hälfte der Teilnehmerländer ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu eigenständigen Staatswesen geworden – und um diese Hälfte der Welt geht es vor allem. Die Konferenz steht im Schnittpunkt zweier Spannungsfelder: des "Nord-Süd-" und des "Ost-West-Konflikts".

Die Weltpolitik wird heute nicht mehr so ausschließlich wie im ersten Nachkriegsjahrzehnt von den Problemen der Ost-West-Spannung, der Friedenssicherung und der Entkolonialisierung beherrscht. Die Emanzipierung der ehemaligen Kolonien hat ihnen einen neuen und in seiner Natur völlig andersartigen Fragenkomplex hinzugefügt: die Entwicklung der wirtschaftlich ärmeren Länder. Bei den Ost-West-Spannungen und den Problemen der Friedenssicherung handelte es sich vornehmlich um Angelegenheiten des Nordens; die Hauptakteure waren die Großmächte und Allianzen der nördlichen Hemisphäre selbst dann, wenn Konflikte an der geographischen Peripherie ausbrachen. Das änderte sich jedoch mit der Entkolonialisierung; ein neuer Nord-Süd-Gegensatz zeichnete sich ab.

Die Solidarität der südlichen Hemisphäre bildete sich zunächst im Kampf um die nationale Unabhängigkeit heraus. Sie erhielt dann neue Impulse, als die jungen Staaten der Ähnlichkeit ihrer wirtschaftlichen und sozialen Probleme gewahr wurden und sich die daraus folgende Gleichartigkeit ihrer Interessen vergegenwärtigten. Da heute nur noch wenige Gebiete unter Kolonialherrschaft stehen, nehmen nunmehr fast alle Regionen der Erde als souveräne Subjekte an der Weltpolitik teil. Dies wirft neuartige Ordnungsprobleme auf. Die Frage der Unterentwicklung ist zu einem immer wichtigeren internationalen Problem geworden.

In den fünfziger Jahren begann der Strom der Entwicklungshilfe zum Süden zu fließen. Die Motive für die Vergabe der Hilfe waren vielschichtig; sie reichten von militärischen bis hin zu humanitären Gesichtspunkten. Allmählich gewann jedoch die Meinung die Oberhand, daß die unterentwickelten Länder ein Recht darauf hatten, einen höheren Stand der Entwicklung zu erreichen; umgekehrt wurde es in steigendem Maße als die Pflicht der Industriestaaten des Nordens angesehen, den ärmeren Regionen dabei zu helfen. 1962 hatte die in den vorhergehenden sechs Jahren von den OECD-Ländern (einschließlich Japans) vergebene öffentliche Entwicklungshilfe die beachtliche Gesamtsumme von 32 Milliarden Dollar erreicht: 128 Milliarden Mark! Dennoch hat sich in dieser Zeit das Entwicklungsproblem in alarmierender Weise zugespitzt.

Im Verhältnis zu den fortgeschrittenen Ländern verschlechterte sich die wirtschaftliche Position der Entwicklungsländer. Ihr Anteil am Welthandel fiel zwischen 1950 und 1960 auf 20 Prozent, während er sich bei den Industriestaaten von 60 auf 66 Prozent erhöhte. Die Weltexporte insgesamt stiegen zwischen 1950 und 1962 um 70 Prozent, in Süd- und Südostasien hingegen nur um 25, in Lateinamerika um weniger als 50 Prozent. Und nicht nur mengenmäßig nahmen die Ausfuhren der Entwicklungsländer bloß sehr geringfügig zu, sondern auch wertmäßig: Die Preise ihrer hauptsächlichen Exportprodukte sind seit Beginn der fünfziger Jahre ständig gefallen. Der daraus entstandene Verlust entspricht ungefähr der Gesamtsumme der von den Industrieländern geleisteten öffentlichen Entwicklungshilfe. Gleichzeitig aber stiegen die Preise der Importgüter aus dem Norden, die zur Hälfte aus Kapitalgütern bestehen und dem Aufbau der Wirtschaft in den Entwicklungsländern dienen. Die terms of trade der Entwicklungsländer verschlechterten sich zwischen 1950 und 1960 um Prozent. Auch waren diese Länder über einen Anteil von 5,6 Prozent am Weltexport von Fertigprodukten nicht hinausgekommen.

Relative Vergleiche haben ihre Schwäche. Man könnte einwenden, daß die Entwicklungsländer dabei bloß deshalb so schlecht abschneiden, weil die Industriestaaten so große Fortschritte machen konnten. Dieser Einwand ist mathematisch richtig, jedoch gibt er keine Antwort auf die Frage, ob eine solche Diskrepanz gut ist. Eine Untersuchung, welche die Industriestaaten nicht berücksichtigt, zeigt auf den ersten Blick, wie geringfügig sich die Wirtschaftslage der Entwicklungsländer verbessert hat. Wegen der Bevölkerungsexplosion hat das – zweifellos stattfindende – Wirtschaftswachstum dort nur eine geringe Steigerung des Lebensstandards zur Folge gehabt. Nach einer – optimistischen – Schätzung aus dem Jahre 1960 erhöhte sich in 100 unterentwickelten Regionen das Geldeinkommen seit 1950 je Kopf um nur 1 Prozent jährlich.