Auf der Leinwand im Kongreßsaal des Deutschen Museums in München erschienen zwei Frösche. Der eine sah wie ein normaler Frosch aus, der andere schien bereits in ein fortgeschrittenes Stadium der Verwesung übergegangen zu sein. Bei Beginn des Experimentes seien beide Tiere intakt gewesen, erläuterte der Redner in amerikanisch gefärbtem Deutsch das Lichtbild. Beide wurden dann von zwei größeren Fröschen verschlugen, und während der eine große Frosch – samt verschlungenem kleinen – in einen Eisschrank gesperrt wurde, durfte der andere bei Zimmertemperatur umherhüpfen. Nach sechs Stunden entfernte der Experimentator die kleinen Frösche aus den Magen ihrer Vertilger. Das Ergebnis zeigte er in der letzten Woche den Chirurgen, die sich zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München versammelt hatten: Der kleine Frosch aus dem Magen des Eisschrank-Frosches war unversehrt, der andere stark angegriffen.

Mit dem Froschversuch demonstrierte der Gast aus den USA, Profesor Owen H. Wangensteen von der Minnesota Universität in Minneapolis, die physiologische Wirkung eines von ihm ausgearbeiteten und heute heftig umstrittenen Verfahrens zur Behandlung von Zwölffingerdarmgeschwüren: der Kühlung des Magens.

Über die Entstehungsursachen von Zwölffingerdarm-Geschwüren gibt es viele Theorien. Dagegen herrscht Einigkeit darüber, was geschieht, wenn der Prozeß begonnen hat: Die Magendrüsen scheiden einen Verdauungssaft ab, der zuviel Salzsäure enthält. Greift das übersäuerte Verdauungssekret die Magenwand an, entsteht ein Magengeschwür. Weitaus häufiger jedoch ruft die scharfe Säure, nachdem sie sich durch den Magenausgang in den Zwölffingerdarm ergossen hat, dort Geschwüre hervor. In vielen Fällen ist eine drastische Operation dann unvermeidlich: der säureproduzierende untere Teil des Magens wird entfernt. Noch immer sterben fünf bis sieben Prozent der Patienten bei diesen Resektionen. Besonders gefährdet sind Kranke, die an unstillbarer Blutung eines Geschwürs leiden.

Wangensteen beobachtete in Tierversuchen, daß eine Kühlung des Magens zwei für Geschwürskranke günstige Effekte bewirkt: Die Durchblutung des Magens wird eingeschränkt und die Produktion von Verdauungssekret herabgesetzt.

Genau diese Auswirkungen sind bei der Behandlung von Geschwürskranken erwünscht. Wangensteen unterkühlte die Magen seiner Patienten, indem er einen doppelwandigen Schlauch einführte, an dessen Ende ein kleiner Ballon befestigt war. Der Chirurg ließ durch Schlauch und Ballon kalten Alkohol strömen und kühlte so den Magen entweder mehrere Stunden lang auf 10 bis 15 Grad (Unterkühlung) oder für eine Stunde auf minus 20 Grad (Gefrieren).

"Die Unterkühlung", berichtete Wangensteen, "scheint – nach fünfjähriger Erfahrung – eine nützliche klinische Hilfe zu sein, vor allem bei der Behandlung von massiven Blutungen aus Zwölffingerdarmgeschwüren ..."

Von 560 Patienten mußten in Minneapolis nur noch fünf Prozent nach der Magenunterkühlung operiert werden. Kein einziger starb an der Kühlung. 60 Prozent der Patienten, die vor länger als einem Jahr behandelt wurden, sind ganz gesund oder gebessert. Unerwünschte Nebenwirkungen waren selten.