Von jont-imn Schweiien

Washington, im April

Vor vielen Monaten hatte die Negerin Mary Hamilton, Sekretärin des "Kongresses für Rassengleichheit", nach Teilnahme an einer verbotenen Bürgerrechtsdemonstration in Gadsden im Staat Alabama vor Gericht zu erscheinen. Der Vorsitzende fragte sie: "Mary, Sie sind doch wohl festgenommen worden. Wer hat Sie festgenommen?" Die Angeklagte antwortete dem Richter: "Ich heiße Mary Hamilton. Sprechen Sie mich bitte korrekt an!" Der Vorsitzende: "Wer hat Sie festgenommen, Mary?" Die Angeklagte: "Ich werde diese Frage nicht beantworten, solange ich nicht korrekt angeredet werde."

Sie wurde auf der Stelle wegen Mißachtung des Gerichtes zu 50 Dollar Geldstrafe und fünf Tagen Gefängnis verurteilt. Die Haftstrafe saß sie ab, die Geldstrafe wurde gegen Kaution vorläufig nicht vollstreckt. Bei Nichtbezahlen hätte die Verurteilte weitere 20 Tage hinter schwedischen Gardinen zubringen müssen.

Das Oberste Amerikanische Bundesgericht hat diesen Spruch am 30. März aufgehoben, ohne die Parteien anzuhören. Die Bundesrichter bezogen ihre Entscheidung auf ein anderes Urteil vom April, in dem festgestellt worden war, daß Gerichtsräume nicht segregiert sein dürfen. Die unterschiedliche Behandlung von Farbigen auch nur in der Anrede aber stelle bereits Rassendiskriminierung dar.

Der Fall veranschaulicht, wie fest die Rassenschranken im Süden der USA noch geschlossen sind und welch ein Berg von Vorurteilen und Vorbehalten noch zu überwinden sein wird, auch wenn die große Gesetzgebung zur Gleichstellung der Farbigen endlich den Kongreß passiert. Doch gibt es auch andere hoffnungsvolle Zeichen für einen unermüdlichen Idealismus unter den Amerikanern. Eine reizende 74 Jahre alte, weißhaarige Dame, Frau Peabody‚ Mutter des Gouverneurs von Massachusetts, fährt hinunter in das segregierte Städtchen St. Augustine an der Ostküste Floridas, beteiligt sich an einer Demonstration der Integrationisten, wird festgenommen und verbringt zwei Nächte im Gefängnis. Bald wird sie in dieser ältesten Siedlung der USA vor Gericht erscheinen müssen.

Vor dem Hintergrund dieser und vieler anderer Geschehnisse im Kampf um die Gleichstellung der Rassen hat im amerikanischen Senat nun die große Redeschlacht angehoben. Es geht dabei um die im vorigen Jahr noch von John F. Kennedy inspirierte, von seinem Nachfolger Präsident Johnson unterstützte Bürgerrechtsvorlage – die bedeutendste in der Geschichte der amerikanischen Gesetzgebung seit Aufhebung der Sklaveverei vor hundert Jahren. Sie ist schon vor Wochen vom Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit gutgeheißen worden, stößt aber im Senat auf den erbitterten Widerstand des Blockes der Südstaaten-Demokraten. Sie haben unter der Führung des Senators von Georgia, Richard B. Russell, einen der mächtigsten und würdigsten Mitglieder des Kongresses, zu dem Hilfsmittel des Filibusters, der Dauerreden, gegriffen.