Von John A. Osmundsen

Zwei Wissenschaftler der New Yorker Columbia Universität haben eine Hypothese aufgestellt, die alle bisher bekannten Entstehungsweisen des Krebses als Wirkung ein und desselben biologischen Mechanismus erklärt. Nach dieser Theorie verändern alle Carcinogene, das sind krebserzeugende Stoffe, Strahlen, Viren oder Gewebeverletzungen, das genetische Material oder die Eiweißproduktionsstätten in der Zelle. Hierbei werden winzige Atomgruppen in die Moleküle eingeschmuggelt – und diese geringfügigen Veränderungen genügen vollauf, gesunde Zellen in Krebszellen zu verwandeln.

Die beiden amerikanischen Biochemiker, Dr. Ernest Borek und Dr. P. R. Srinivasan, führen zwei Gründe an, die sie darin bestärkt haben, ihre Hypothese näher zu untersuchen:

Chemische Veränderungen, die nach jener Theorie vorausgesagt wurden, sind in verschiedenen Krebsgeweben tatsächlich festgestellt worden. Es hat sich gezeigt, daß alle bisher bekannten krebserzeugenden Substanzen, Mikroorganismen und Strahlen, imstande sind, derartige Veränderungen hervorzurufen.

Freilich wäre es verfrüht, anzunehmen, mit diesen beiden Indizien sei die Hypothese bewiesen, denn die Möglichkeit, daß es sich hier um zufällige Koinzidenzen handelt, kann man nicht mit Sicherheit ausschließen. Sollte sich jedoch die Theorie als richtig erweisen, dann wäre zum erstenmal ein chemischer Unterschied zwischen Krebs- und gesunden Zellen gefunden. Ein solches Kriterium würde einen Zweifrontenkampf gegen den Krebs ermöglichen. Der Arzt wäre in der Lage, Tumorzellen an dem chemischen Unterschied so frühzeitig zu erkennen, daß eine Heilung mit den gegenwärtig bekannten Therapien noch Erfolg hätte. Und man könnte die Krebszelle gezielt zerstören, ohne daß benachbarte Gewebe dabei geschädigt werden.

Der Beweis für die Stichhaltigkeit der Borek-Srinivasanschen Hypothese, die von Krebsforschern vieler Länder in zahllosen Experimenten geprüft wird und, wie es scheint, mehr und mehr Bestätigung erfährt, wäre der bisher wichtigste Fortschritt in dem fast zweihundertjährigen Bemühen der Wissenschaft, den Krebs zu erforschen.

Angefangen hat dieses Bemühen im Jahre 1775, als ein britischer Arzt, Percival Pott, zum erstenmal eine Krebsursache erkannte: Der Rauch aus den Kaminen wurde für schuldig befunden, bei Schornsteinfegern eine bestimmte Krebsform hervorzurufen. Seit jener Zeit haben Mediziner und Biologen in aller Welt unzählige Krebsursachen entdeckt. Doch die Suche nach dem Mechanismus, durch den carcinogene äußere Einflüsse eine gesunde Zelle in eine Krebszelle verwandeln, blieb vergeblich.