Schwarzgraue Wolken hängen über den Dächern der neuen Hochhäuser. Von den Ästen der noch winternackten Bäume weinen Regentropfen herab und bilden Rinnsale auf dem Bürgersteig. Die Tauben unseres Kummers sehen noch schäbiger aus als sonst, aber Hunderte von Schwänen, und Enten haben ihr Vergnügen an der wässrigen Luft. Und dem paradoxen Wetter zum Trotz streichen die heimkehrenden SingvögelSchwärme über der Stadt, choreographisch gegliedert, nach feststehenden Normen. Manchmal parken sie en masse in den Baumkronen des Kurfürstendamms wie Dolden von Früchten, und wenig später beteiligen sie sich an den Zwitscherkonzerten im Grunewald, der heute 33 heißen müßte, denn Berlin ist bezirksweise in Zahlen aufgegliedert worden.

Das "tierische Element" wie auch die Vegetation spielen in Berlin eine bedeutendere Rolle als in den meisten anderen Weltstädten. Aber Berlins Natur ist sehr spät zu internationalem Ansehen gekommen, eigentlich erst nach 1945. Vorher identifizierte man die Spree Metropole mit dea nächtlicherweise so schön erleuchteten Straßenschluchten der Friedrichstadt, wozu im Westen "der" Tauentzien kam und der Kurfürstendamm mit Schaufensterpracht und Kaffeehaus Terrassen. Heute endlich zeigt man den Fremden auch die bezaubernden Havelufer und die Kette der Seen mit den malerischen Inseln, die einen italienischen General entzückt ausrufen ließ: "Warum fahren die Berliner eigentlich nach Neapel?!" Die ungefähr hunderttausend Osterbesucher dieses Jahres aber durchwühlten bei diesem unholden Wetter hauptsächlich die drei Kilometer von der Halenseebrücke bis zum Wittenbergplatz. Sie besuchten die guten Theater, deren es viele gibt; sie loben die reichlichen Gelegenheiten, ihre Autos zu parken, obwohl der Verkehr einheimischer und auswärtiger Wagen dicht floß, und spät in der Nacht besuchten sie jene "echt Berliner" Luststätten" in denen kaum echte Berliner zu finden sind — das ist hier nicht anders wie wohl überall.

Der "richtiggehende" Berliner aber, der von der Stehkragenklasse zumindest, geht heutzutage auf Partys. Mehrmals in der Woche finden bessere Herrschaften ein gedrucktes Kartellen in ihrer Post, das einen Empfang von 18 bis 20 oder von 22 bis 24 Uhr verheißt. Um Antwort wird gebeten. Diese "Durchlauf Partys" finden im herrlichen Charlottenburger Schloß statt, zum Beispiel kurz nach Neujahr als "Defiliercour" vor dem Regierenden Bürgermeister oder in der Kongreßhalle oder in der Akademie der Künste oder im Foyer des Schiller Theaters, aber audi in einer Bezirksbürgermeisterei, in einer Schulaula, sogar in Prreathänsern. Man zeigt sieh, registriert wer da ist (es sind nahezu immer dieseibesaian trinkt den obligaten Schaumwein, das "neue Volksgeträak", und schnappt von zahnstocherartigen Stäbchen Schnitten von Fingerspitzengröße, die mit Räucheraal, Schinken oder Käse belegt sind. Dazu gibts, als Höhepunkt der Üppigkeit, Miniaturwürstchen und fünfmarkstückgroße Bouletten. Sie werden in eine pikante Sauce getunkt, und Menschen ohne Gewissen nehmen sie im Dutzend.

Fremde erleben wenig von diesen Essembleen. Nur wenn sie in wichtigen Gruppen kommen, als Pädagogen etwa oder als Städtebauer, die in Berlin lernen wollen, wie man es machen oder wie man es nicht machen soll, nur dann gewährt man ihnen Zutritt zu diesen schnellen Empfängen mit den Senatshäppchen und dem Getränk. Sehr Prominente allerdings genießen ausführliche Mittagsmähler in kleinstem Kreis unter der Betreuung einer Dolmetscherin, denn diese Herren sind oft irgendwo in weiter Ferne maßgeblich und des Deutschen nicht mächtig. Auf die Allerprominentesten wollen wir hier nicht eingehen, auf jene nämlich, die fast wie Privatgäste unserer stadtstaatlichen Spitzen behandelt werden. Das Usuelle aber ist die "Durchlauf Party", zum kurzen Verweilen gedacht, zum Kommen und Gehen, zu sehen und gesehenwerden. Anfangs wollte das gar nicht klappen. Ich entsinne mich sehr lebhaft einer befristeten Party von 18 bis 21 Uhr bei Herrn und Frau Ernst Deutsch in der Knesebeckstraße, Die Räume barsten vor schöner Theaterwelt; die Stimmung war himmlisch, und niemand dachte ans Weggehen, auch nicht, als der Hausherr sich ostentativ hinter seinen Schreibtisch setzte, ein Buch in die Hand nahm und über den Rand seine Gäste ziemlich unmißverständlich musterte. Die Seßhaften und Standhaften, so kam mir später zu Ohren, seien bis nach Mitternacht geblieben. Auch die Angelsachsen hatten anfangs viel auszustehen, ehe die Berliner das wohl von ihnen kreierte System der befristeten Party begriffsn haben. Mir kam Lord Byron in den Sinn, der Jockeys mit Stallpeitschen auftreten ließ, wean die Gäste durchaus nicht weichen wollten. Aber herzliche Gesten dieser Ar 1 sind ja nicht so ohie weiteres übernehmbar. Ein Hausherr von Rang und Ansehen kann sich auch nicht wie ein Kneipenboß hinstellen und Feierabend bieten. Bei einem Empfang für die Porgy and Bes~ Truppe in der Villa eines hohen amerikanischen Beamten betrank sich der dunkelhäutige Hauptdarsteller so intensiv, daß man ihn auf eine Cou:h betten mußte. Aber eine halbe Stunde vor dsr Vorstellung war er wieder so nüchtern wie Quellwasser. Er und seine Leute verschwanden "ohixe Signal", und sogar die Berliner gingen daraufhin zur ungefähr richtigen Zeit. Nebenbei: die PorgTand Bess Truppe versammelte sich nach jeden Auftreten in glitzernden Gaststätten zu nachtfüllenden Champagner Partys. Statt zu zahlei, unterschrieben sie Zettel und fanden Berlin großartig. Als nach schwierigen Ermittlungen auf diplomatischem Wege in New York dann bei ihnen kassiert wurde, hatten sie möglicherweise einen faden Nadigeschmack.

Ein Jahrzehnt ist eine lange Zeitspanne. Se hat genügt, die Häppchenpartys einzubürgern. Zu Kaisers Zeiten dominierten die Hofkreiss, die sich zu neunzig Prozent aus dem Adel rekrutierten. Dann kam die hohe Beamtenschaft, dann die Hochfinanz, kamen die Universitätsprofessoren und schließlich die Welt der Künste. De Kreise überschnitten sich allenfalls in der Ballsaison, beim repräsentativen Presseball und bei den ausgelassenen Kostümfesten. Sonst aber gab es in jeder Kaste eine haute volee, die für sich allein den Begriff tont Berlin in Anspruch nahm. Nach Ausrufung der Republik war eine scheirbar festgefügte gesellschaftliche Pyramide eirgestürzt. Die Hofkreise zogen sich zurück. Die hohe Finanz suchte ihren Gesellschaften mit Prominenzen aus der Kunstwelt Ansehen zu geben. Die alt russische Rolle des Generals — ohne dessen Anwesenheit eine Gesellschaft nicht glanzvo l war — wurde in Berlin auf den Bühnenstar und die Filmdiva übertragen. Berühmte Geiger, Sänger und Pianisten, die man in die Prachtvilleti von Grunewald und Westend einlud, erwarteten ein Honorar für ein paar kleine Proben ihrer Kunst. So war der Zuschnitt in der Luxuswel:. In schlichteren Bezirken wurde das Mitbringen von nichteingeladenen Freunden und Freundinnen auf Hausbälle zu einem Charakteristikum permanenter gesellschaftlicher Gärung — eine reizende Unsitte, die die Hausfrau oft zur Verzweiflung brachte und von literarischen BerlinBesuchern wie Sinclair Lewis und Christopher Isherwood gepriesen wurde — nicht ohne Ironie. Ehe in der Hauptstadt der Republik eins wirkliche Gesellschaft sich kristallisieren konnte, war das Ende da.

Der Tag Null und die nachfolgende Zeit standen unier dem unerbittlichen Gesetz der "Pressante" und des "Organisierens". Und bald erlebte die Viersektorenstadt, als neues Unikuir, die Liebeswerfaungen der ehemaligen Feinde. Mit Kaviar und Krimsekt suchten die Russen zu zeigen, wie gut sie es mit uns meinen; die Angelsachsen tischten bescheidener auf, dafür waren ihre Drinks und ihre Sandwiches nicht an weltanschauliche Bekenntnisse gebunden. An das Siegergefühl noch nicht recht gewöhnt, suchten di; Franzosen sich mit heiterer Allüre angenehm zu machen. Sie hatten viel Erfolg "Wenn ich diä Wahl zwischen Whisky und Wodka habe, entscheide ich mich für Burgunder" — so suchte einer meiner Freunde die Lage zu kennzeichnen. Aber durchgesetzt hat sich das Angelsächsische — und damit die kurze Party "Tout Berlin knabbert meisterhaft um die kleinen Stäbchen herum, an denen die Häppchen hängen, und hält in Brusthöhe das Glas mit dem Naß — und ein Kasperle könnte kommen und rufen: "Seid ihr alle da?" Sie sind alle versammelt, immer dieselben, mal hier, mal dort.

Der Fremde indessen macht das Publikum in den Restaurants und Cafes, in den Museen, in den Theatern und in den Straßen unter den Regenschirmen. Und immer an den gleichen Straßenecken versammeln sich die Tauben zu Krümelpartys mit oder ohne Gift, und die Schwäne verderben sie ihr Renommee, weil ihrer zu viele geworden sind, was dem Schilfbestand schade: und damit dem Wasser. Sie und auch die Singvögel gehören nicht zu "Tout Berlin", sehr irr Gegensatz zu den Hunden, die in Berlin dichteren Familienanschluß haben als sonstwo. Sie müßten eigentlich immer miteingeladen werden