Von Uwe Nettelbeck

Hi there, haben sie auf die Bombe geschrieben, denen zum Gruß, auf die sie fallen soll; die platte und arglos zynische Floskel beschreibt das Bewußtsein derer, die die Wasserstoffbombe hinnahmen und nun werfen, denn sie fällt tatsächlich in Stanley Kubricks "Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb". Die Welt versinkt, aber Kubrick kennt den Vers der Zeit auf die pittoresken Atompilze: "We’ll meet again, don’t know where, don’t know when ... but it will be some sunny day" (Wir werden uns wiedersehen, irgendwo, irgendwann, aber an einem Sonnentag). Ein Liedchen, als sei noch nichts entschieden.

Der Thriller ist trotzdem zu Ende, und alles war entschieden von Anfang an, beim Rolltitel bereits. Im Takt eines langsamen Walzers – "Try a Little Tenderness" (Versuch es mit ein bißchen Zärtlichkeit) – wird ein B-52-Bomber des Strategischen Luftkommandos im Fluge aufgetankt, traumsicher, tödlich schön und sehr obszön. Was folgt, ist die beharrliche und kühle Demonstration eines Mißverhältnisses. Deswegen ist dieser Film komisch.

Jack D. Ripper, Kommandant eines Luftwaffenstützpunktes, wird verrückt, glaubt, die Kommunisten wollten ihm an die "Körpersäfte", und führt deshalb, mitten im Frieden, ohne Anlaß, den atomaren Vergeltungsschlag. Seinen Präsidenten läßt er wissen: "Mit Gottes Hilfe werden wir siegen und Friede, Freiheit von Furcht und guten Appetit bewahren, durch die Reinheit und Kraft unserer soliden Körpersäfte. God Hess us all."

Präsident Merkin Muffley, liberal und vornehm, ist verwirrt, versucht aber sein Bestes, die Katastrophe aufzuhalten. Buck Turgidson, sein kaugummikauender Militärberater, treuherzig und eingeweiht, schlägt ihm vor, mit voller Raketenkraft hinter Ripper herzuschlagen, Muffley aber greift zum Telephon. Dimitri, sein russischer Kollege, ist auf Ost-West-Freundlichkeiten erpicht und ziemlich begriffsstutzig. Muffley muß sich wiederholen: "Die Bombe, die Wasserstoffbombe, Dimitri, du weißt doch, wir haben doch darüber gesprochen, daß eines Tages etwas schiefgehen könnte..." Beteuerungen folgen, Floskeln wieder ("I am as sorry as you are, Dimitri, all right?").

Es erweist sich: für den Todesfall in der Familie langt sie vielleicht, angesichts der sich anbahnenden globalen Katastrophe aber versagt die Sprache, plappert hilflos nebenhin. Das ist das eine Mißverhältnis, und das von Kubrick am schärfsten formulierte. Es ist plötzlich etwas in der Welt, sorgsam geplant, vorausberechnet und mühsam abgesichert, das sich in seiner ganzen Tragweite nicht mehr mitteilen läßt. Der Unfähigkeit zur Artikulation entspricht die Unfähigkeit, wirksam einzugreifen. "Einer meiner Befehlshaber hat eine dumme Sache angestellt", sagt der Präsident zu Dimitri. "Man kann wegen eines einzigen kleinen Ausrutschers doch nicht ein ganzes System verurteilen", verteidigt sich Turgidson.

Das andere Mißverhältnis ist technischer Art: Was zur Sicherung gedacht war, vereitelt die Rettung der Welt. In den Bombern sind befehlsgemäß bis auf den Code-Empfänger alle Funkeinrichtungen blockiert, nur Ripper ist also in der Lage, das Geschwader zurückzurufen. Der Präsident schickt Fallschirmjäger gegen Ripper. Der aber hat sich eingeigelt und verteidigt den Code bis zum letzten Mann. "Der Feind kann sogar in amerikanischer Uniform auftauchen", hat er seinen Jungs gesagt. Die wundern sich auch ("die Tanks sehen aber ziemlich echt aus, wo haben die Commies sie nur her"), eröffnen aber das Feuer. Peace is our Profession – verkündet ein Plakat in der Nähe des absurden Gefechts.