Dreierlei Nachricht binnen einer Woche und dreimal dasselbe: Filmproduktionen verkündeten, daß sie sich der Literatur anzunehmen gedenken. Thomas Manns "Tonio Kröger" und "Tod in Venedig" und Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" sollen verfilmt werden. Das verehrliche, wahrscheinlich recht zahlreiche und zahlungswillige Publikum wird nun bald das Vergnügen haben, dem Tonio, dem Herrn von Aschenbach und den je nach Bedarf gebrauten Retortenmenschen der Zukunft im dunklen Kino zu begegnen. Viel Spaß, wünsch’ ich, und: hoffentlich überleben die Literaturfreunde die Filmliteratur noch unversehrt.

Ich habe den "Tod in Venedig" vor vier Jahren das letztemal gelesen, und ich sehe die Gestalt Aschenbachs nur noch als zarten Umriß vor mir, vom Gesicht ist nur die Schminke noch da, die er auflegte. Und wenn ich die Novelle nun nochmals läse, wer weiß, ob mir da derselbe Aschenbach erschiene wie vor vier Jahren?

Denk’ ich dagegen an Felix Krull, dann sehe ich sofort Horst Buchholz. Denn ich habe den Fehler gemacht, mir den Krull-Film anzusehen, und ich werde noch ein paar Jährchen brauchen und die Geständnisse noch so manches Mal lesen müssen, bis ich den Buchholz aus dem Gedächtnis gewetzt und dort Platz für jenen Krull haben werde, den ich bei der Lektüre so deutlich, nach der Lektüre weniger deutlich und nach ein paar Jahren undeutlich sehe: für "meinen" Felix Krull also.

Da bin ich denn an des Übels Kern (der des Pudels ist, frei nach Joyce Gary, natürlich auch schon verfilmt): Die Bilder der Filme, die durchs äußere Auge ins Gedächtnis sickern, sind kräftiger, bunter, klarer und wahrscheinlich einfacher, das aber heißt haftender als jene zarten, selbstgemalten, die die Phantasie sich macht. Und die Bilder des Kinofilms löschen die Bilder des selbstgedrehten inneren Films erst einmal gründlich aus.

Nun will ich mich nicht so weit versteigen und sagen, daß uns, die wir in der Epoche der vorfabrizierten Bilder leben (Film, Fernsehen, Illustrierte, Comicstrip und Bild-Zeitung) die Fähigkeit verkümmern wird, uns selber noch Bilder zu machen.

Gewiß: ohne Alec Guinness wäre "Die Brücke am Kwai" kein so immenser Kinokassenerfolg geworden. Der Film braucht die Stars (worunter natürlich auch große Schauspieler wie Guinness sein mögen), um sich zu verkaufen; Stars, und nun gar verwandlungsfähige, aber gibt’s nur wenige. Also werden wir, da immer mehr Literatur verfilmt wird, immer wieder dieselben Gesichter sehen, wo es sich um einander nicht einmal entfernt verwandte Literaturgestalten handelt.

Graue Theorie? Ich glaube nicht: Burt Lancaster, der zur Zeit als sizilianischer Fürst Don Fabrizio im Farbfilm nach Lampedusas "Leopard" zu bewundern ist, wird demnächst als Pasternaks russischer Arzt "Dr. Schiwago" auftreten. Klaus Recht