Von Albrecht Achilles

Wer nach Rothenburg ob der Tauber fährt, erwartet ein verträumtes Städtchen. Wer nach Creglingen kommt, möchte den Riemenschneider-Altar bewundern. Dinkelsbühl hat das alte Antlitz einer ehemals freien Reichsstadt als "Nationaldenkmal" – so der Reiseprospekt – gewahrt, und Nördlingen präsentiert einen inzerstörten Wehrgang, auf dem man ohne Eintrittsgroschen die ganze Altstadt umwandern kann. Romantische Eindrücke in Hülle und Fülle. Was liegt näher, als solche kunsthistorisch geadelten, Fachwerk verzierten Städte und Dörfer wie Perlen auf den Faden eines Pfades zu ziehen? Es war sicherlich so etwas wie eine Stemstunde, als es dem in Augsburg wirkenden Verkehrsdirektor, Dr. Wegele, vor nunmehr vierzehn Jahren einfiel, die "Romantische Straße" zu erfinden. "Romantische Straße!"

Beinahe enttäuscht es, daß der Weg unter diesem Namen erst vierzehn Jahre alt ist – er riecht förmlich nach Alter. Man stelle nur ehmal die Quizfrage und staune nicht zu hörei, die "Romantische Straße" sei zu Zeiten des Biedermeiers entstanden. Was tut’s? Vor vierzehn Jahren wurde eine Arbeitsgemeinschaft der Anlieger (und ihrer Verkehrsämter) gegründet urd das romantische Kind geschäftstüchtig aus der Taufe gehoben. Im Norden liegt Würzburg, in Süden das Allgäuer Städtchen Füssen, dazwischen finden sich: Bad Mergentheim, Weikershein, Creglingen, Rothenburg o. d. T., Feuchtwangen, Dinkelsbühl, Nördlingen, die Harburg, Donauwörth, Augsburg, Landsberg am Lech, Steingaden, die Wieskirche und Schwangau. Augsburg, residiert als "Weltstadt des Mittelalters".

Zum Thema: Das Souvenirgeschäft hatte ja. nun ein neues als dankbar sich erweisendes Maikenzeichen. Indes bestaunt der harmlose Warderer die Einfallsarmut in der einschlägigen Branche. Taschenmesser, Aschenbecher, Kugelschreiber, grünlich schimmernde Glaspokale aller Größen und Ledertäschchen sind mit einem Abziehbild beklebt – und damit hat sich’s. Wenns hochkommt – und es kommt hoch! –, findet man auch Muschelkästchen und jene bekannter Holzbretter, einen Baumstumpf vortäuschend, mit allerlei bunter Ansicht bedruckt. Wer kauft das? Das Geschäft muß gut sein, die Läden, Kioske und fliegenden Stände sind Legion. Nun aber wird in das Geschmacksniveau dieser Artikel vor der Schallplattenindustrie eine Bresche geschlagen. Da heißt eine neue Langspielplatte "... entlang der Romantischen Straße", und man rätselt zunächst herum, wie sich wohl etwas anhören mag, was man eigentlich anschauen soll. Akustisch eingefangene Optik – gibt es das?

Das gibt’s. Gewiß wird man sich für die Detailansicht einer Kirchenarchitektur und eines Stadttores von Rothenburg nach wie vor einen Bildband anschaffen müssen. Die bunte Schallplattenhülle ersetzt das noch nicht ganz. Es geht aber um ganz andere Dinge, und damit scheint das Tondokument eine kleine Besonderheit zum Preise von achtzehn Mark zu werden.

Der Festspielgedanke rumort dabei. So hat Rothenburg gleich drei Heimatveranstaltungen, die den Touristen den ganzen Sommer über vorgeführt werden: "Meistertrunk", "Schäfertanz", "Hans-Sachs-Spiele". Dinkelsbühl hat nicht nur seine bekannte Knabenkapelle, sondern eine gewaltige Freilichtaufführung "Die Kinderzeche", in der sich die ganze Stadt zu einem Heerlager des Dreißigjährigen Krieges verwandelt. Nördlingen konkurriert mit einer musikalisch guten Knabenkapelle in Landsknechtsuniformen, Augsburg mit Mozart-Serenaden, die Wieskirche mit Orgelkonzerten und Füssen mit zwei Gebirgstrachtenvereinen.

Diesen Erscheinungen sind die Schallplattenleute nachgegangen. Daß sie ein verwirrend buntes Programm zusammengetragen haben, lassen die unterschiedlichen örtlichen Attraktionen vermuten. Verwirrend und erheiternd sind aber auch die Begleiterscheinungen am Rande solcher Projekte. Eine fränkische Heimatzeitung feiert stolz ihren Verkehrsamtsleiter, weil es angeblich allein seiner Initiative zu verdanken sei, eine "Weltfirma" für die Tonbandaufnahme des weltberühmten Festspiels XY gewonnen zu haben. In einem anderen Ort entstanden Schwierigkeiten, weil jede Sprecherrolle von Vereinsmitgliedern doppelt besetzt worden war; erst durch die Vermittlung des Bürgermeisters wurde ein Kompromißvorschlag vom Vorstand angenommen. Ein anderer Versuch der Aufnahmeregie, den Sprecher einer Rolle auszutauschen, erwies sich als unmöglich – genoß doch der betreffende Bürger und Amateurspieler kraft seiner langjährigen Zugehörigkeit zum Verein sozusagen ein verbrieftes Recht auf die darzustellende Person. Komparsen und Boten werden von "Anfängern" gespielt; wer 25 und mehr Jahre zum Verein gehört, hat sich den General oder einen grimmigen Heerführer verdient. Wieder eine andere Zunftgruppe – alles Kaufleute, Handwerker oder Angestellte im Städtchen – vertrug sich nicht so gut mit dem Stadtkapellmeister, so daß eine andere, weniger geübte Kapelle für die musikalische Umrahmung sorgen mußte. Freundschaft geht vor Qualität, richtet hier aber keinen Schaden an.