Georg Paloczi-Horvath: Rebellion der Tatsachen. Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt/Main; 327 Seiten.

Vas immer über Rußland und den sowjetischen Kommunismus in den letzten Jahren publiziert wurde, offenkundig ist die Unsicherheit der Deutung jener Entwicklung, mit der sich die Kommunisten seit knapp einem Jahrzehnt auseinandersetzen müssen. Einig sind sich die Kremologen fast jedes Genres nur darin, daß sich die Sowjet-Gesellschaft offenbar im Umbruch befindet. Der Mangel an ausreichenden Informationsquellen führte jedoch nicht selten zu Spekulationen im westlichen Rußlandbild, die dann häufig in fatalen Irrtümern gipfelten, wie sich später herausstellte. Anders und deshalb um so bemerkenswerter muß das vorliegende Werk "Rebellion der Tatsachen" des ungarischen Kommunismus-Experten Georg Paloczi-Horvath bewertet werden.

Kühn – für Kenner des Kommunismus nahezu aggressiv – ist die These, mit der der Autor den Leser schon zu Beginn seines Buches konfrontiert, indem er die Entwicklung in Rußland mit der protestantischen Reformation vergleicht, "allerdings mit einem bedeutenden Unterschied: Die protestantische Reformation strebte die Reinigung des christlichen Glaubens an. Die kommunistische Reformation dagegen ändert den Glauben selbst, verweist die Überreste des Marxismus auf Funktionen des politischen Zeremoniells und attackiert auf einer breiten Front die Diktatur, die das kommunistische Dogma über die Realitäten unserer Zeit ausübt."

Dogma und Wirklichkeit

Einer solch politischen Einleitung folgt eine völlig unpolitisch erscheinende Einführung in die Kybernetik, jener neuen Wissenschaft von der Regel- und Kontrolltechnik, die es ermöglicht, komplizierte Probleme mit Hilfe der Elektronenrechnung zu lösen. Dieser Einführungskurs in die Kybernetik und das kybernetische Denken geht dem politischen Teil des Buches indes nicht ohne Grund voraus. Paloczi-Horvath sucht die Ursachen der richtungsändernden Entwicklung in Rußland nämlich in dem Wirken jener Wissenschaft. Das Kernprinzip der Kybernetik ist die Rückkoppelung (feed back), ein aus der Technik entliehener Begriff, der den Informationsaustausch zwischen einer beabsichtigten und einer tatsächlich erzielten Leistung einer eingeleiteten Aktion bezeichnet.

Die Kybernetik ist der Standort, der den Autor zu der "Rebellion der Tatsachen" bestimmte. Er konfrontiert die kommunistischen Dogmen mit der Wirklichkeit und sucht hier den Schlüssel für die mannigfaltigen Strukturäncerungen im sowjetischen Herrschaftssystem.

Deutlich wird diese geradezu faszinierende Methodik etwa in der Gegenüberstellung der von Lenin entwickelten Herrschaftsmethode mit dem kybernetischen Kernprinzip. Lenin, wie auch später Stalin noch perfektionierter, ließ sich weitgehend von einem wissenschaftlichen Konzept leiten, in dem die "Diktatur nicht mehr und nicht weniger (bedeutete) als unbegrenzte Macht, die direkt auf der Gewalt beruht, durch nichts begrenzt und nicht gezügelt ist durch Gesetze oder absolute Regeln". Der Diktator verlangte von einer einmal eingeleiteten Aktion eine bestimmte von ihm erwartete Leistung, gleichgültig ob das Ziel im Bereich des Möglichen kg oder nicht. Entsprachen die Leistungen nicht den Erwartungen, nicht dem Soll, so waren nach kommunistischer Diktion die Fehler nicht in der Führung, sondern bei den ausführenden Organen zu suchen, ja, bei den noch immer wirkenden feindlichen Kräften der Bourgeoisie. Die Ursachen der Fehlschläge waren indes anderer Natur. Kybernetischem Denken zufolge kann in einem Herrschaftssystem, wie dem Lenins und Stalins, kaum eine Aktion den Erwartungen der Diktatoren entsprechen. Es fehlte der Informationsaustausch zwischen der Befehlszentrale und den realen Gegebenheiten der Bevölkerung und des Landes.