Nun haben auch die USA den internationalen Touristenmarkt betreten. Ganzseitige Reklamen versuchen den Eindruck zu verwischen, Amerika sei ein gar teures Land; es mangelt nicht an Vorschlägen, wie auch der Durchschnittseuropäer die Wunder des Yellowstone Parks, der Niagara-, Hille und des Steindschungels von Manhattan erleben könne. Und zwar mit Musikbegleitung, wovon aber die Werbung nichts erwähnt. Das ist sonderbar, denn es muß sich doch um eine folkloristische Manifestation überseeischen Geschmackes handeln. Denn nichts geschieht mehr in den Vereinigten Staaten, ohne daß es von musikalischem Syrup übergössen würde.

In den Korridoren und Foyers der Hotels hängt ein leichter Dunst von Musik; jeder Lift hat seinen Lautsprecher und vom Parterre bis zum vierzigsten Stock kann man ein ganzes Musical: durchkosten. Sowohl Warenhäuser wie kleine Geschäfte und Büros werden musikalisch berieselt. Fabriken können nur noch unter Musikbegleitung produzieren, und selbst an stillen Örtchen klingen leise Weisen.

Ich fragte ein paar dieser Mitmenschen, die den Musikregen in Lifts, Büros und Geschäften nur im Unterbewußtsein hören. Sie sprachen alle von einem angenehmen Geräusch, englisch: nice noise. Wer wußte schon, welches Stück soeben gespielt worden ist – wenn es sich nicht gerade um eine semmelfrische Beatles-Serenade handelte. Man geht nicht mehr ohne Gesäusel. Und ist es mal still (technische Gründe), fühlen sich die Menschen bedrückt. Sogar in den Krankenhäusern schwört man auf die Musik. Auf optimistische Musik. Die Krankenschwester: "Musik beschleunigt den Heilungsprozeß." Jedoch weshalb tönt Musik auch aus dem Operationssaal? Der Arzt: "Das ist speziell Musik für Chirurgen, die müde werden."

Sogar in den Nebenzimmern des Polizeigerichtes, wo ich als Zeuge vernommen wurde, war eine Musikanlage akustisch zu bemerken, und wenn mich nicht alles im Stimmengewirr täuschte, wurde Sarastros Arie "In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht" gespielt.

Als ich später Dan Shepheard, den Manager eines solcher Musikbetriebe besuchte, sah er mich entsetzt an. Ich hatte Zweifel angedeutet. "Wer Musik nicht liebt", so fuhr er mich an, glaubt nicht an Gott!" Er plane, immerwährende Musik auch in die Straßen zu leiten. "Sogar", ergänzte er beleidigt, "im Pentagon wird bei der Ausarbeitung logistischer Pläne Musik benützt, und", so sprach er weiter "selbst im atombombensicheren Unterstand bei den berühmten roten Telephonen spielt Tag und Nacht Musik." Es ist beruhigend zu hören, daß wenn alle Stränge reißen und auf den Knopf gedrückt wird, wenn die Welt in Schutt und Asche liegt, die Beatles weitersingen, solange die Batterien währen. Yea, Yea, Yea...

H. M. Nieter O’Leary