Theo Teriete, seit einigen Jahren Vorsitzender der "Arbeitersäule" im Christlichen Gewerkschaftsbund Deutschlands" (CGB), sitzt mit dem Rücken vor einer großen Deutschlandkarte. Sie ist besetzt mit kleinen bunten Nadelköpfen, von denen die roten den Sitz eines Landesverbandes markieren, die gelben einen Bezirksverband und die blauen eine Ortsstelle. Die Nadeln folgen einigermaßen dicht aufeinander im Ruhrgebiet und im Saarland, sie verteilen sich schon wesentlich stärker in anderen, überwiegend katholisch orientierten Gebieten, und sie werden zu einer Rarität in Norddeutschland.

Wie steht es, bald neun Jahren nach der Wiedergründung christlicher Gewerkschaften, um deren Verwurzelung in der Arbeitnehmerschaft? Wie sind ihre Chancen zu beurteilen? Theo Teriete nennt zögernd die Zahl von 80 000 Arbeitern, die ihre Beiträge an den Christlichen Gewerkschaftsbund entrichten. Etwa die Hälfte davon entfallen auf die nach der Rückgliederung korporativ beigetretenen saarländischen Gewerkschaften. Damit verbleiben rund 40 000 Arbeiter, die seit November 1955 dem Ruf von Johannes Even und Bernhard Winkelheide gefolgt sind, sich in einer eigenen christlichen Gewerkschaft zusammenzuschließen; höchstens 10 000 davon wiederum dürften vorher im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert gewesen sein.

Die im Jahre 1955 neugegründete christliche Gewerkschaft – sie nannte sich zunächst "Christliche Gewerkschaftsbewegung Deutschlands (CGD) – schloß sich im Jahre 1959 in einer Dachorganisation zusammen mit bereits bestehenden Gewerkschaftsverbänden außerhalb des DGB, wie dem Deutschen Handels- und Industrieangestelltenverband und dem Verband weiblicher Angestellter. Durch diese Konzentration kam man immerhin auf höhere Gesamtzahlen. Offiziell nennt der "Christliche Gewerkschaftsbund Deutschlands" heute 230 000 Mitglieder, überwiegend Angestellte, zu einem geringen Teil auch Beamte.

Der Vorsitzende dieses Gesamtverbandes, Paul Seiler hat im Jahre 1960 anläßlich des schließlich erfolgten Austritts auch der "Christlich-sozialen Kollegenschaft im DGB" aus dem DGB, geschrieben, man solle die Bedeutung dieser Sezession nicht "mit der kleinlichen Elle der dahinter stehenden Mitglieder und Anhänger" messen. Gesteht man den mit dem DGB hadernden christlichen Gewerkschaftspolitikern eine Gewissensnot zu, so ist die Zahl der Austritte und der Mitglieder auch sicherlich kein Maßstab. Gleichwohl lebt eine Gewerkschaft von der Macht der Zahl und der Solidarität. Wie sonst sollte sie Einfluß nehmen auf das tarifpolitische Geschehen oder gar auf die Sozialgesetzgebung?

Der "Christlich-sozialen Kollegenschaft" schrieb man einst etwa 1,2 Millionen Anhänger, nämlich zur CDU tendierende DGB-Mitglieder zu. Wenn ihr Einfluß nie spürbar geworden ist, so wohl nicht zuletzt auch deswegen, weil keine der christlichen Gruppen – ob innerhalb oder außerhalb des DGB – eine Alternative hat sichtbar machen können, die für die Masse der Mitglieder überzeugend und werbend neben diejenige der sozialdemokratisch orientierten DGB-Funktionäre hätte treten können. Das "christlich" allein genügt – wie sich zeigt – nicht einmal in katholischen Gebieten.

Im engeren Bereich der gewerkschaftlichen Aktivität, nämlich in der Lohnpolitik, kann es eine solche Alternative auch gar nicht geben. Auf dem Gebiete der Sozialgesetzgebung aber ist die Verwandschaft zwischen Sozialdemokraten und sogenannten "Christlich-Sozialen" so groß, daß die Masse der Arbeitnehmer kaum Unterschiede wahrzunehmen vermag.

Das Bekenntnis zur christlichen Soziallehre und damit zum Subsidiaritätsprinzip beispielsweise hat nur wenig an der Abneigung auch der "Christen" gegenüber der Selbstbeteiligung in der Krankversicherung zu ändern vermocht; und auch in anderen konkreten Fällen der Gesetzesberatung ist das Kräfteverhältnis im Bundestag gekennzeichnet durch einen Gleichklang von Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen. Ausnahmen, wie etwa Margot Kalinke, einmal ausgeklammert.