Las man doch unlängst in einer allgemeinen Zeitung für Deutschland, das "Neue Deutschland" habe "absichtsvoll auf der Titelseite" verzeichnet, daß "drei Redaktionsmitglieder einer westdeutschen Zeitung von einem Mitglied des obersten Führungsgremiums der Sozialistischen Einheitspartei zu einem Gespräch empfangen worden seien". Diese Tatsache hat den Autor einer allgemeinen Zeitung offenbar ganz unruhig gemacht. Ausdrücklich sagt er, daß es sich beim "Neuen Deutschland" um "die maßgebende Zeitung der Sowjetzone" handelt. Welche Zeitung aber drei Redaktionsmitglieder entsandte, damit sie einen Blick hinter den "Eisernen Vorhang" täten und Gespräche mit prominenten Kommunisten nicht scheuten, das sagt er höflicherweise nicht. Und da eine Höflichkeit die andere wert ist, muß denn auch verschwiegen werden, in welcher Stadt die "Allgemeine Zeitung für Deutschland" erscheint und was die Abkürzung "FAZ" bedeutet. Die Leser könnten sonst zu leicht das Versteckspiel durchschauen und fröhlich rufen: "Gefunden! Gefunden!"

Andererseits wird man verstehen, daß auch ich den Namen der bewußten "westdeutschen Zeitung" und die ihrer drei reiselustigen Redaktionsmitglieder nicht preisgebe. Denn beide, die Zeitung wiediese Redakteure – sie stehen mir zu nahe. Ich brächte es nicht über’s Herz, den Schleier des Geheimnisses roh zu zerreißen. Auf gutes Zureden wäre ich höchstens bereit, nachfolgende Anhaltspunkte zu geben: Die bewußten drei Redaktionsmitglieder erblicken, wenn sie aus dem Fenster des Pressehauses schauen, in einiger Entfernung einen Turm, der von den Seeleuten (aber nicht nur von ihnen) "Michel" genannt wird, während ein Goethe-Zitat etwas über den Erscheinungsort jener anderen, nämlich der höflichen Zeitung aussagt: "...stickt voller Merkwürdigkeiten!"

Das Merkwürdige beginnt in diesem Falle schon damit, daß der Autor jener Zeitung, die dort erscheint, wo ich soeben die drei Punkte gemacht habe – wir wollen ihn kurz Ernst-Otto Maetzke nennen – seine Besorgnisse über den Besuch der bewußten drei Redaktionsmitglieder in Ostberlin und anderswo hinter dem "Eisernen Vorhang" bereits geäußert hat, ehe sie noch begannen, über ihre Reise zu berichten. Ihm genügt eine Notiz auf der ersten Seite des "Neuen Deutschland", um eine öffentliche Warnung auszustoßen nach dem Motto: "Das wird schon schiefgehen ... denn es muß ja schiefgehen."

"Zwar braucht er (der westliche Publizist) nicht zu befürchten", so schreibt E.-O. Maetzke, "daß ihm das Regime dort anders als mit ausgesuchter Höflichkeit gegenübertreten würde. Aber er muß sich darüber klar sein, daß er die kommunistischen Empfindlichkeiten in gewissem Maße zu schonen hat. Anderenfalls war seine erste Informationsreise die letzte."

Zwei Irrtümer auf einmal: Erstens sind schon vor geraumer Zeit zwei von den bewußten Reisenden aus dem Schatten des "Michel-Turmes hervorgetreten und haben drüben am Ostberliner Sender ein Streitgespräch mit prominenten Kommunisten geführt, das nicht von Pappe war, und sie sind dennoch wieder hereingelassen worden. Zweitens: Wenn sie damals die kommunistischen Empfindlichkeiten nicht geschont haben, warum sollten sie es diesmal tun? Das wollen wir doch erst einmal sehen, Herr Maetzke, Schwarz auf Weiß, und dann urteilen, Herr Maetzke.

"Das kommunistische Regime", so schreibt E. O. Maetzke, "hat infolgedessen die Möglichkeit zur Selbstdarstellung durch ihm genehme nichtkommunistische Berichterstatter." Ein hartes Wort. Er fügt freilich hinzu, daß er die Integrität der Publizisten nicht bezweifle. Eher müsse man sie bewundern, ja, sogar den Intelligenten unter ihnen Lorbeeren flechten, vorausgesetzt, daß sie "aus den Gegebenheiten – klug wie die Schlangen – das Beste zu machen verstehen und hinter den Teilwahrheiten die volle Wahrheit durchleuchten lassen..."

Dieses Kompliment, das er der "Integrität der Publizisten" zu spenden bereit ist, hindert jedoch E.-O. Maetzke nicht, auf eine Zwangslage hinzuweisen, der, wie er meint, dieBerichterstatter aus dem Westen nicht gewachsen sind. Sie müßten ihre besten Informanten – "den vertrauten Freund, den nahen Verwandten oder den Fremden, der sich ihnen offenbarte" – vor dem kommunistischen Zugriff schützen. Nun, das ist selbstverständlich. Doch nicht so selbstverständlich ist, daraus folgenden Schluß zu ziehen, wie E.-O. Maetzke es tut: "Es ist infolgedessen unvermeidlich, daß durch solche gebotene Rücksichtnahme die Berichterstattung wiederum im Sinne der kommunistischen Informationspolitik beeinflußt wird, der jede Verharmlosung zugute kommt, weil sie glaubhaft machen will, die Machthaber im Staate Ulbrichts seien gar nicht so ..."

Ob die sehr besorgte ungenannte allgemeine Zeitung aber den "klugen Schlangen" des gleichfalls anonymen Blattes am Ende doch noch "Lorbeeren flicht"? Wie dem auch sei – dieses Bild aus der Nähe zu betrachten, wäre der Mühe wert. Es würde das alte Goethe-Wort in der heute aktuellen Form nur bestätigen: "Eine große Stadt am Main stickt voller Merkwürdigkeiten!"