von Josef Müller-Marein

Paris, im April

Wenn die Bürger von Paris im kommenden Mai den fünfundsiebzigsten Geburtstag ihres Eiffelturmes feiern, wird niemand spotten dürfen, sie hätten keine Phantasie. Erstens haben sie den Kardinal Feltin gebeten, auf der ersten Etage eine Heilige Messe zu lesen. Zweitens geben sie am gleichen Tage – es ist der 3. Mai – die Südseite des Turmes den Bergsteigern frei. Drittens haben sie für den 15. Mai die menschlichen Altersgenossen des Turmes, soweit sie, wie er, in Paris geboren wurden, zu einem Festbankett eingeladen, das mit derselben Speisenfolge wie damals bei der Einweihungsfeier aufwarten soll. Und hier setzen die Bedenken ein.

Ein Gottesdienst kann an diesem Ort nicht weniger würdig gestaltet werden wie bei festlichem Anlaß unter freiem Himmel, und er wäre ein Anlaß, für die armen Seelen der rund 350 Selbstmörder zu beten, deren letzter Weg zum Eiffelturm führte; ein Sprung über das Gitter, und sie hatten das Elend, das sie quäke, hinter sich. Zuletzt war’s ein Geschäftsmann, dessen Firma pleite gemacht hatte und der nicht mehr aus noch ein wußte.

Im übrigen trifft es sich, daß in Frankreich viel für den Sport getan wird, seit der hier zuständige Minister heißt Herzog, ein Mann, der ein berühmter Bergsteiger war. So ist es so außergewöhnlich nicht, daß einmal den Alpinisten erlaubt wird, was sie sich schon lange wünschten, aber ihnen gemeinhin nicht gestattet war: in alpinieren, ohne das geliebte Paris zu verlassen. Gefahr? Sie lauert viel eher beim Festmahl: Hors-d’oeuvre ... Fischgericht .. ein Frühlingslamm ... eine "Ente à la Belle-Epoque" ...Käseteller ... Eisbombe ... Petits fours; dazu sechs verschiedene Weine – welcher moderne Mensch kann solche Fülle noch vertragen, und hätte er auch fünfundsiebzig Jahre lang geübt, die Freuden der Tafel zu genießen, wie etwa der Prominente dieser Altersgenossen: der immer noch frische und äußerst quicke Maurice Chevalier?

Nicht zufällig gibt die "Ente à la Belle Epoque" das Stichwort dafür, auf welche Weise das Fest des Eiffelturms zu feiern ist. Der Stil der "Gründerjahre" mit seinem so robusten Stahlstreben wie poetisch-eisernen Ranken hat längst wieder Ansehen gewonnen in Paris. Was man in der Jugend für Großvätergraus hielt – all die vertrackt geschwungenen Kandelaber und die auf lianenhaft geschnitzten Füße kippelig ruhenden Blumenständer –, man hat sie vom Speicher hervorgeholt, frisch gestrichen und in den Raum gestellt, der früher Salon hieß und bei dem heute herrschenden Platzmangel als Wohn- und Kinder- und Arbeitsstube und womöglich noch als Schlafe stube für den halberwachsenen Sohn des Hauses dient. Auch der Eiffelturm wurde frisch gestrichen. Und dabei stellte sich dann heraus, daß er als das stählerne Symbol von Paris tatsächlich ein offizielles Monstrum ist. Die Farbe sagt’s. Viele dem Staat oder der Stadt gehörenden Eisensachen tragen neuerdings die gleiche braune Tönung – wobei wir Deutsche gut daran tun, nicht etwa eine einheitliche Gesinnung zu vermuten. Weit gefehlt! Es ist vermutlich stets derselbe Lieferant, der dieselbe Farbe liefert, weil sie ihm – so darf man annehmen – halt am besten und billigsten gelingt. Auch der Eiffelturm ist derart frisch gestrichen.

Belle-Epoque! Das heißt: Der Turm ist jetzt historisch. Bei seinem Anblick scheiden sich nicht mehr die Geister. Kein Hü und Hott ist mehr am Platze, keine Frage mehr, ob er häßlich oder schön. Er ist da – seit 75 Jahren. Und das ist die beste Garantie dafür, daß er bleibt. Übrigens fand ich neulich in einem neuen Buch über Paris den Rat, man solle den Eiffelturm auch deshalb besteigen, weil man das Palais Chaillot am anderen Ufer der Seine so schön sehen könne. Worin dann auch geschrieben stand, man möge nicht versäumen, auf dem Plateau des Palais’ Chaillot die Schritte anzuhalten: Kein anderer Ort in ganz Paris, von dem aus so schön der Eiffelturm zu sehen ist! Mit anderen Worten: Die gigantische Stahlkonstruktion des Ingenieurs Eiffel, das Renommierstück der "Gründerjahre", steht heute außerhalb jeglicher Kritik.