Von Hans-Henning von der Burg

Wolf Middendorff: Der Straf richten Rombach Verlag, Freiburg i. Br., 112 Seiten, Paperback 8,80 DM.

Warum ist der deutsche Richter so unbeliebt?" – mit dieser Frage beschäftigt sich der Freiburger Amtsgerichtsrat Dr. Wolf Middendorff in seinem jüngsten Buch.

Middendorff sieht den Urgrund für den zwiespältigen Ruf des Richters und sein relativ geringes Ansehen in der geschichtlichen Entwicklung seines Standes. Er verweist auf das historische Schreckbild des habgierigen und korrupten Richters und zitiert Luther, der bündig bemerkte: "Ein jeglicher Jurist ist entweder ein Schalk oder ein Esel... Es ist ein alt Sprichwort: Ein Jurist, ein böser Christ. Das ist wahr!" Dem temperamentvollen Reformator schien es sogar zweifelhaft, ob "Büttel, Henker, Juristen, Fürsprecher und was des Gesindels mehr ist" überhaupt selig werden könnten.

Die unmittelbaren Wurzeln der heutigen Verhältnisse findet Middendorff in der Ausbildung eines beamteten Richtertums in Preußen. Der preußische Richter wurde eisern zur Pflichttreue, Unbestechlichkeit, Genauigkeit, Charakterfestigkeit und Unparteilichkeit angehalten, den Tugenden des preußischen Beamten schlechthin – ohne freilich den Beamten anderer Ressorts gleichgeachtet zu werden. Der Verwaltungsbeamte war bedeutend angesehener als der Richter; das glossierte die Anekdote, wonach ein Oberlandesgerichtspräsident größenwahnsinnig geworden sei, weil er geträumt habe, er sei zum Regierungsreferendar ernannt worden.

In die Weimarer Republik ging die Richterschaft als konservatives Korps ein, das die Verfassung des neuen Staates so gut wie geschlossen ablehnte – ein unlösbarer Konflikt, der nur auf Kosten des Rechts ausgetragen werden konnte. Ramponierter als je ist das Renommee der Richterschaft aus dem Dritten Reich hervorgegangen: Mit der traurigen Bilanz von 26 000 Todesurteilen, die ordentliche Gerichte zwischen 1933 und 1945 verhängten.

Middendorff glaubt jedoch, daß die Feindseligkeit zwischen Justiz und Öffentlichkeit nicht nur auf die Historie, sondern wesentlich auch auf Eigenheiten des deutschen Nationalcharakters zurückzuführen ist: "Die nüchterne Wirklichkeit sieht so aus, daß wohl kein Volk mehr persönliche Streitigkeiten in der Form von Privatklagesachen an die Gerichte heranträgt als das deutsche. Beleidigung, falsche Anschuldigung und Verleumdung haben in starkem Maße zugenommen, zeitweise betrugen Privatklagesachen 25 bis 30 Prozent aller Strafverfahren."