FBI sagt: Oswald – Amateurdetektiv Buchanan behauptet: Rechtsextremisten

Von Kai Hermann

Lee Harvey Oswalds Abbild steht im Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud – als der Mann, der Präsident Kennedy ermordete. Für die Museumsleute und für die amerikanische Polizei ist der "Fall Oswald" abgeschlossen. Die Geschichte des 22. Novembers 1963 in Dallas scheint jedoch noch nicht endgültig geschrieben zu sein. In der amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit wächst die Skepsis gegenüber den offiziellen Ermittlungsergebnissen.

Nach den jüngsten Meinungsumfragen bezweifelt beinahe die Hälfte aller Amerikaner ihre Richtigkeit. Noch in diesem Monat erscheint in den USA ein Buch, das den Zweifeln neue Nahrung geben wird: Der amerikanische Schriftsteller Thomas Buchanan versucht nachzuweisen, daß Oswald unschuldig ist; daß Kennedy möglicherweise das Opfer einer rechtsradikalen Verschwörung wurde, an der hohe Polizeioffiziere, ölmillionäre und Gangsterbanden beteiligt waren.

Die Pariser Wochenzeitung "L’Express" hat sich in mehreren Fortsetzungen zum Sprachrohr der Theorien Buchanans gemacht. In anderen angesehenen Zeitschriften wurde das Ermittlungsergebnis des FBI und der Polizei von Dallas ebenfalls bezweifelt: Im britischen "Spectator", im italienischen "Tempo", in den liberalen amerikanischen Magazinen "The New Republic" und "The Nation" wie im linksgerichteten "National Guardian". Für sie und vierzig Prozent der Amerikaner ist die Frage noch nicht endgültig beantwortet: Tötete Lee Harvey Oswald den Präsidenten wirklich – allein, ohne Mitwisser?

Am 22. November, um 12.31 Uhr örtlicher Zeit, peitschten die verhängnisvollen Schüsse durch die Elm Street in Dallas. Knapp eineinhalb Stunden danach war Lee Harvey Oswald verhaftet. Zwei Tage später war er tot, und der Staatsanwalt von Dallas, Henry Wade, erklärte die "Mordsache Kennedy" für abgeschlossen. Vor den Fernsehkameras präsentierte er noch am gleichen Tag eine lückenlose Indizienkette, die den ermordeten mutmaßlichen Mörder überführen sollte. Zeugen hatten eine Gewehrmündung im sechsten Stock eines Buchmagazins gesehen. Hinter dem Fenster fand die Polizei einen Schießstand aus Büchern – mit Oswalds Handballenabdrücken – und die Mordwaffe mit dazugehörigen drei Patronenhülsen. Im Hause des Verdächtigen entdeckten Kriminalbeamte die letzten Beweisstücke: Ein Notizbuch mit einem Decknamen, auf den ein Gewehr gleichen Typs von einem Versandhaus bestellt worden war, ein Bild, das Oswald mit der Mordwaffe zeigt und einen Stadtplan mit der Route von Kennedys Wagenkolonne.

Schleier über Dallas