Dies ist der Nachtrag eines Juristen zum Thema Homosexualität, mit dem sich unser Interview in der vorigen Nummer beschäftigt hatte.

Es gibt Menschen, die zweifeln, ob es recht sei, homosexuelles Verhalten zwischen erwachsenen Männern zu bestrafen. Bei Mord, Diebstahl, Bestechung, Landesverrat, ja sogar bei der Beleidigung versucht niemand ernsthaft, die Strafbarkeit dieser Delikte in Frage zu stellen, selbst der nicht, der von "höheren Werten", Moral und Sitte nichts wissen will. Das liegt ganz einfach daran, daß ein merkbarer Schaden eintritt, wenn gemordet, gestohlen, bestochen, verraten oder beleidigt wird. Auch den weniger Obrigkeitsgläubigen ist klar, daß solche Schädigungen das nun einmal notwendige Zusammenleben empfindlich stören und daß sie deswegen nach Möglichkeit verhindert werden müssen. Wer aber wird durch homosexuelles Verhalten erwachsener Männer, die sich in einer abgeschlossenen Wohnung aufhalten, geschädigt? Welches Rechtsgut der Allgemeinheit wird durch sie verletzt?

Der Gesetzgeber hat diese Frage immerhin so ernst genommen, daß er in der Begründung des Entwurfs zu dem neuen Strafgesetzbuch eigens darauf eingeht: Eine Bestrafung sei auch da möglich, wo kein bestimmtes Rechtsgut angegriffen sei, wenn das Verhalten "ethisch besonders verwerflich und nach allgemeiner Überzeugung schändlich ist".

Bei so großen Worten schleicht sich natürlich Skepsis ein; wohl dem, der dies Pathos noch ungebrochen vertreten kann. Wenn wir uns aber auf den Standpunkt des Gesetzgebers stellen und prüfen, ob die Strafbarkeit der Homosexualität dennoch berechtigt ist, dann wird sehr rasch erkennbar, daß es noch keinen Maßstab dafür gibt, welche Verhaltensformen denn "ethisch besonders verwerflich und schändlich" sind, damit eine Bestrafung auch dann gerechtfertigt wäre, wenn kein Rechtsgut verletzt wird. Der Gesetzgeber bietet zwei Kriterien; erstens: wenn die Tendenz besteht, daß das Verhalten auf Dritte übergreife; zweitens: wenn "schwere Gefahren für eine gesunde und natürliche Lebensordnung im Volk" zu befürchten seien. Beides wird von der Homosexualität behauptet.

Gewiß sind die fluktuierenden geschlechtlichen Beziehungen eines großen Teils der Bevölkerung – geht man von den Bekenntnissen des Bundesgerichtshofes zur Einehe aus – sittlich scharf zu mißbilligen. Sie schaden erheblich "dritten Personen", zum Beispiel Kindern und Minderjährigen, die zu schützen für die Rechtspflege besonders wichtig ist. Zwar wird Ehebruch bestraft, aber ganz abgesehen davon, daß er nur auf Antrag verfolgt und ein Antrag nur sehr selten gestellt wird, müssen Ehebruchsfälle nicht notwendig gerichtlich festgestellte Ehebrüche sein.

Unter dem Gesichtspunkt der Einehe ist auch die Prostitution sittlich zu mißbilligen. Sie wird aber in dem Entwurf zum neuen Strafgesetz nur in Fällen, wo sie besonders hervortritt, bestraft. Der Tatbestand als solcher wird nicht geahndet.

Die Homosexualität ist mindestens ebenso verbreitet wie Ehebruch und Prostitution. Da sie aber ihrer Natur nach nur einen beschränkten Personenkreis anspricht und sich nicht vor aller Öffentlichkeit, sondern im Verborgenen abspielt, hat sie viel weniger "Werbewirkung" als Prostitution und Ehebruch. Die "schwere Gefahr für eine gesunde und natürliche Lebensordnung im Volk" müßte zudem erst einmal nachgewiesen werden. Der Satz jedenfalls, daß, wo die Homosexualität um sich gegriffen habe, "die Entartung des Volkes und der Verfall seiner sittlichen Kräfte die Folge" war (so der Gesetzgeber), findet keine Bestätigung in der Geschichte.