Wir sollten die Unberührtheit des Mondes unter allen Umständen so lange bewahren, bis die Wissenschaft in der Lage ist, auf dem Trabanten nach Erdklumpen zu suchen.

Die Wissenschaft, in diesem Zusammenhang, ist Exobiologie. Falls Sie nicht sofort wissen sollten, was das ist, so lesen Sie die ZEIT vom 27. März nach, in der Sie in einem Artikel des Nobelpreisträgers Joshua Lederberg von der kalifornischen Stanford-Universität den eingangs zitierten bemerkenswerten Satz finden werden.

Wir einfachen Menschen, die keine Exobiologen sind, wissen, daß Lunas schutzloser Leib bereits von zwei Raumraketen durchbohrt worden ist. (Am 2. Februar 1964 gelang den Amerikanern, was den Sowjets schon lange vorher gelungen war.) Nach zwei Raumraketen spricht man, in besseren Familien, eigentlich nicht mehr von Unberührtheit. Dem Gelehrten von Stanford ist vielleicht entgangen, daß die Mondsucht, welche die Sowjetunion und die USA befallen hat, sehr wenig mit Leben im Weltraum zu tun hat, aber sehr viel mit Tod auf Erden.

Wir einfachen Menschen, die längst verlernt haben, so naive und fromme Wünsche auszusprechen wie: "Wir sollten die Unberührtheit des Mondes unter allen Umständen so lange bewahren ..." – wir ahnen, daß die Unberührtheit des Mondes darum nicht bewahrt wurde, weil die Mächte, die sich’s leisten können, ihn für kriegstauglich und wehrdienstunabkömmlich halten.

Wenn eine irdische Macht einen nuklearen Stützpunkt auf dem Mond besäße, dann brauchte sie keinen Angriff zu befürchten, bevor ihr lunarer Stützpunkt vernichtet wäre. Da es aber zum Mond noch immer kein Katzensprung ist und feindliche Raketen auf dem lunaren Stützpunkt erst nach zwei-einhalb Tagen einschlagen würden, wüßte der Feind, daß bei so langer Warnungszeit der Angriff Selbstmord wäre. Vergnüglicher für das martialische Gemüt ist die Aussicht auf Todesstrahlen, die nicht in solchem Schneckentempo reisen würden (zwei Sekunden vom Mond-Stützpunkt zum irdischen Ziel; und Todesstrahlen sind kein leerer Wahn mehr).

Nicht alle Militärwissenschaftler halten solche Träume, oder Alpträume, für verwirklichbar; nicht alle halten das Wettrennen zum Mond für gar so weise und gar so wichtig. Es gibt Zweifler, in der Sowjetunion ebenso wie in den Vereinigten Staaten.