Es gilt in den Kreisen der etablierten Fernsehkritik – falls sich derartiges überhaupt schon etabliert hat – offenbar als erwiesen: Das Zweite Programm reicht ans Erste noch nicht heran.

Privat-Umfragen in kleinerem Kreise führen dort, wo das Zweite wirklich mühelos empfangen werden kann, zu einem anderen Ergebnis. Diese Woche stand es 3:2 für das II. Fernsehen.

Wobei eine so sportliche Art es auszudrücken dadurch gerechtfertigt scheint, daß zu den drei Treffern der Zweiten Mannschaft das allsonnabendliche Sportstudio gezählt werden soll, dessen Leiter als Knabe den Vornamen "Wim" empfing – und seitdem kann ihn schlechterdings nichts mehr in Verlegenheit bringen:

Immer wieder hat die Technik Pannen, und immer wieder siegt darüber Wim, gelassen um Verzeihung lächelnd.

Zu den Höhepunkten des Zweiten Programms gehört beinahe jede Woche der sonnabendliche Kommentar; mit Sicherheit dann, wenn Ralf Dahrendorf der Kommentator ist, der bei aller klugen Zurückhaltung keiner Frage ausweicht und jede Antwort präzise formuliert. Glücklicherweise haben die Verantwortlichen offenbar den Mut zur eigenen Courage wiedergefunden und die unsagbar alberne Rückversicherung "... vertritt Herr Professor Dahrendorf hier seine eigenen Ansichten" aufgegeben – wessen Ansichten sollte er denn sonst vertreten?

Freilich gilt das offene öffentliche Vertreten auch wohlüberlegter Ansichten bei uns noch immer als riskant. Wen haben wir einem Walter Lippmann an die Seite zu stellen? Wo wäre ein Interview wie das mit ihm, welches das Zweite Programm am Donnerstagabend brachte?

Gewiß darf Lippmann auch in den USA als Star gelten. Aber ist er dort eine Ausnahme? Am bemerkenswertesten fand ich: der amerikanische Reporter, der ihn ausfragte auf jene ganz harte und dennoch ganz höfliche Art, wie sie im angelsächsischen Journalismus entwickelt worden ist, war hierzulande unbekannt – und doch kein bißchen weniger frei und unaufdringlich selbstsicher als der große Walter Lippmann.