Von Rolf Zundel

In einem Nebenzimmer des Gasthofs "Zum Stern" saßen achtzehn Männer. Die meisten hatten ein Glas Bier vor sich stehen, ein paar tranken ihr Viertele Wein. Von der Wirtsstube nebenan klang Gelächter herüber, die achtzehn aber saßen ernsthaft, frisch gewaschen und im sauberen Hemd. Sie nahmen hier und da einen Schluck, ließen auch dann und wann eine Bemerkung fallen: "So, au do?" – "Ja, au do!" nahmen noch einen Schluck und rückten ihr Glas wieder umständlich auf dem Bierfilz zurecht.

Sie waren schließlich nicht zum Vergnügen hier, sondern "politisch". Sie wollten hören, was ihnen der Bundestagsabgeordnete der SPD, der zum Wahlkampf erschienen war, nun eigentlich zu sagen habe. Daß in dieser schwäbischen Gemeinde mit rund 1600 Wahlberechtigten nur 18 zur Versammlung erschienen waren, bekümmerte freilich den örtlichen SPD-Funktionär; er hätte dem Abgeordneten gern ein volles Haus geboten. Und halb resigniert, halb zornig sagte er: Die Blitz kriagt mr oifach net her." Immerhin war es ihm ein Trost, daß der CDU-Redner ein paar Tage vorher vor nur acht Personen gesprochen hatte.

Über Geld und Geist ließ sich der SPD-Abgeordnete aus, und das ist ein Thema, das die Schwaben immer interessiert – wobei allerdings fraglich ist, was ihnen wichtiger erscheint. Deutschland (und nicht zuletzt Baden-Württemberg), so sagte der Redner, seien immer durch ihre Schulen und Universitäten berühmt gewesen. Aber heute? In Frankreich, Schweden und vielen anderen Ländern gebe es prozentual viel mehr Abiturienten als in der Bundesrepublik. Sollten aber die Deutschen dümmer sein als die Franzosen und die Schweden? Die Zuhörer schüttelten den Kopf. Es müsse am Schulsystem liegen. Die Zuhörer nickten bedächtig.

Aber was mache die Landesregierung? Sie habe noch in letzter Zeit ein- und zweiklassige Landschulen gebaut. Sie lasse sich mit der Einführung des neunten Schuljahres viel Zeit, und noch immer sei der Lehrermangel erschreckend. Die Begabtenreserve werde nicht genügend ausgeschöpft. Heute kämen ausländische Gastarbeiter noch in Scharen in die Bundesrepublik, aber wenn das Schulsystem nicht verbessert werde, bestehe die Gefahr, daß einmal die Ausländer die Ingenieure und Facharbeiter schickten, die Deutschen aber die Hilfsarbeiter stellen müßten.

Die Zuhörer nickten wiederum bedächtig. Und als der Abgeordnete, in Kultur- wie in Finanzfragen gleichermaßen bewandert, allerlei Fälle aufzählte, wo die Bonner Regierungspartei dem Grundsatz des Maßhaltens untreu geworden sei, da ließ sich einer sogar zu dem Zwischenruf hinreißen: "Ha jo, so isch."

Zustimmung fand freilich auch der CDU-Kanditat, der ausführlich dargelegt hatte, was die Landesregierung schon alles geleistet habe; auch er war der Meinung, daß das Schulsystem noch verbesserungsbedürftig sei, aber man könne nun einmal nicht mehr Geld ausgeben, als in der Kasse sei. "Immer eins nach dem anderen", lautete sein Grundsatz. Auch seine Zuhörer nickten bedächtig.