Die Entwicklung der Lebensversicherungen kann wohl als eines der getreuesten Spiegelbilder dessen angesehen werden, was die Bevölkerung von der Stabilität ihres Geldes hält und in welchem Umfang sie ihre "Selbständigkeit" in der Sicherung ihres Alters wiedergewonnen hat und zu bewahren wünscht. Betrachtet man unter diesen Gesichtspunkten den Jahresabschluß der größten kontinentaleuropäischen Lebensversicherung, der Allianz Lebensversicherungs-AG, Stuttgart/München, so zeigt sich, daß die Währung Vertrauen genießt und der Vorsorgegedanke wächst.

Zwar unterscheidet sich der Geschäftsverlauf der Allianz Leben im Jahr 1963 in seinen wesentlichsten Faktoren kaum von den vorausgegangenen Jahren und beweist damit eine bemerkenswerte Stetigkeit der Entwicklung, die Generaldirektor Dr. Gerd Müller als Zeichen des Erfolgs wertet: "Wir sind eigentlich recht stolz darauf, daß wir keine Schlagzeilen liefern können." Dennoch hebt sich das Jahr 1963 durch die Akzentuierung einiger, schon in den vorausgegangenen Jahren erkennbarer Tendenzen heraus. So beruhte das hohe Neugeschäft der Gesellschaft, das mit 2,4 Milliarden DM Versicherungssumme noch um 10 Prozent größer war als 1962, diesmal in erster Linie auf einer Zunahme der Vertragszahl und weniger auf einer Erhöhung der Abschlußsummen. Trotz der Breite der gesetzlichen Altersversorgung wächst somit doch noch das Bedürfnis der Eigenvorsorge und gibt damit den Lebensversicherungsunternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten. Eine Bestätigung hierfür gibt der wachsende Anteil der Arbeiter und Angestellten, auf die über die Hälfte der neu abgeschlossenen Großlebensversicherungen entfiel, dabei allein 21 Prozent auf Arbeiter.

Eine weitere bemerkenswerte Feststellung, die trotz allen Diskussionen das langfristige Vertrauen gerade der jüngeren Generation in unsere Währung unterstreicht, ist die "Verjüngung" der Neuversicherten. Das durchschnittliche Eintrittsalter der Versicherten hat sich weiter auf 34 Jahre vermindert; in der Vorkriegszeit betrug es dagegen 42 Jahre. Diese Verjüngung des Bestandes bringt allerdings für die Allianz den "Nachteil" mit sich, daß die Langfristigkeit des Versicherungssparens mit niedrigeren Prämien verbunden ist. So sind bei einem Wachstum des Vertragsbestandes um 14,5 (im Vorjahr 15,6) Prozent auf 14,14 Milliarden DM die Prämieneinnahmen nur noch um 12 Prozent (nach 18 Prozent im Jahr 1962) auf knapp 660 Millionen DM gestiegen. Hiervon wurden 450 Millionen in festen Vermögenswerten angelegt, die sich damit auf 3,4 Milliarden DM erhöht haben. Den absolut stärksten Zuwachs hatten dabei wieder die Schuldscheinforderungen mit 190 Millionen DM, wenn auch ihr Anteil an den gesamten Vermögensanlagen mit 41,2 Prozent diesmal praktisch unverändert blieb. Dr. Müller sieht hierin kein "übermäßiges Schuldscheinengagement", vor dem das Bundesaufsichtsamt gewarnt hat, und verteidigt die Bonität dieser Anlagen. Allerdings mußte auch die Allianz Leben bei der Anlage ihrer Mittel auf Hypotheken zurückgreifen. Hierin wurden 113 Millionen DM angelegt, so daß sich ihr Anteil an den Gesamtanlagen von 19,4 auf 20,1 Prozent erhöht hat.

Die Ertragsentwicklung konnte mit der Geschäftsausweitung 1963 nicht mehr Schritt halten. Einmal verursachte das Neugeschäft höhere Kosten (der Abschlußkostensatz stieg von 3,65 auf 3,72 Prozent); dazu kam eine beträchtliche Zunahme der Lohnkosten, so daß der Anteil der Verwaltungskosten an den Prämieneinnahmen von 7,1 auf 7,2 Prozent stieg. Außerdem ist auch die Durchschnittsrendite der Kapitalanlagen entsprechend der Entwicklung am Kapitalmarkt von 6,8 auf 6,68 Prozent zurückgegangen, was aber immer noch für eine geschickte Anlagenpolitik der Gesellschaft spricht, wenn man berücksichtigt, daß die Durchschnittsrendite am Kapitalmarkt 1963 bei 6,4 bis 6,5 Prozent lag. Infolge dieser belastenden Kostenfaktoren konnte der Gesamtüberschuß nur noch um 9,6 Prozent auf 175,3 Millionen DM erhöht werden, nachdem er 1962 noch um 16 Prozent, also etwa in gleichem Umfang wie der Bestand, gestiegen war. Zu über 98 Prozent geht der offen ausgewiesene Überschuß wieder an die Versicherten. Die Aktionäre erhalten wieder 14 Prozent Dividende. C. D.