Von Dietrich Strothmann

Schwetzingen, im April

Meine Kinder haben ganz Schwetzingen in In Bewegung gesetzt. Die kurfürstlichen Herrschaften hatten ein unbeschreibliches Vergnügen, und alles geriet in Verwunderung." Vor zweihundert Jahren, 1763, notierte Vater Mozart nach einem Konzert seines damals siebenjährigen Sohnes im Schwetzinger Schloß diese Sätze. Auch ohne das Klavierspiel eines Wunderkindes geraten noch heute Touristen aus vieler Herren Länder über die Pracht des Parks mit seinen Grotten, Wasserspielen, Tempeln, Seen und Statuen zuweilen in helles Entzücken: "Wonderful, oh wonderful!"

Die politischen Weisen indessen, die dort am vergangenen Wochenende im Konzertsaal der alten Orangerie angestimmt wurden, mochten nur für die wenigen Unverdrossenen aus dem Fähnlein der GDP-Aufrechten ein "unbeschreibliches Vergnügen" sein. In "Verwunderung" aber gerieten selbst sie nicht mehr: Der Parteitag 1964 der Gesamtdeutschen Partei im Schwetzinger Schloß des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz war, nimmt man alles in allem, wohl der letzte. Und es sind nicht etwa nur die Gegner dieser in den vergangenen Jahren schon so oft totgesagten Partei, die davon überzeugt sind. Sogar in den Reihen der Gesamtdeutschen selber werden heute keine Werten mehr gewagt: "Halten wir uns noch? Schaffen wir es noch einmal?" Es bedarf keiner kühnen Phantasie, um nach diesem mutig-verzweifelten Auftritt der Partei mit aller Nüchternheit zu konstatieren: Die Sterbeurkunde ist bereits ausgestellt, nur das Datum muß noch eingetragen werden.

Allein der Wettergott hatte es mit den 123 Delegierten, die an langen, weißgedeckten Tischen saßen – vor sich die Fahne mit dem Reichsadler und dem Brandenburger Tor –, gut gemeint. Er wurde dann auch, da sonst kein Anlaß zu Freude und Jubel war, oft genug beschworen: Vom Bürgermeister dieses "genius loci", vom Vorsitzenden Hermann Ahrens, von dem einen und anderen Diskussionsredner: Mit der GDP sei endlich der Frühling in Schwetzingen eingezogen, hieß es. "Wenn das kein gutes Omen ist!"

Es war, so steht zu fürchten, kein gutes Omen. Am Ende mußte auch der sonst so humorigjoviale Parteichef zu bedenken geben: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer." Wobei solch wehmütige Einsicht ohne allen Arg und ohne schnöde Schadenfreude auch mit einer anderen Volksweisheit ergänzt werden könnte: Die GDP hat nicht einmal mehr einen "Spatzen in der Hand" – von der "Taube auf dem Dach" ganz zu schweigen. Geschwiegen freilich wurde auch bei diesem "Parteitag des Abgesangs" nicht. Zuweilen ging es sogar hoch her. Aufgeschreckt aus ihrer allenthalben spürbaren Resignation, aus ihrer gelegentlich mißlaunigen Lethargie riefen die Versammelten "Pfui" oder "Bravo" und klatschten begeistert in die Hände, brachen auch einmal in schallendes Gelächter aus.

So, wenn der ehemalige hessische Staatssekretär Hartmut Preissler mit überschnappender Stimme belferte: "Andere bieten nur Mundwasser an. Man gurgelt damit, aber man schluckt es nicht ’runter" – "Wir sind keine Hanswürste. Hansfauste sind wir." Oder wenn er sich prahlend-wortspielerisch über den Stuttgarter Staatssekretär Sepp Schwarz lustig machte, der zum Erschrecken seiner Parteifreunde vor vier Monaten zur CDU übergewechselt war: "Dem Schwarz, der zu den Schwarzen ging, wird noch schwarz vor Augen werden von dem Licht, das von Schwetzingen ausgeht." Schier grenzenlos war die Begeisterung der Zuhörer, als der Debattenredner mit pathetischer Emphase endete: "Das Wort, das von Schwetzingen ausgeht, lautet: Hier stehen wir, wir können nicht anders. Gott helfe uns." Und nicht einmal das abschließende "Amen" schenkte sich der Eifernde. "Der hat bei uns Narrenfreiheit", kommentierte später, als die nur Sekunden währende Hochstimmung der Delegierten sich wieder gelegt hatte, einer der Mitglieder vom Landesvorstand Baden-Württemberg.