Überdies erhält die gesamte Gruppe keine Gelegenheit, führende Köpfe hervorzubringen, welche sich für die Bedürfnisse ihrer Schicksalsgenossen mit ausreichenden Mitteln einsetzen können. Sie bleibt als Minorität von uns "Gesunden" abhängig.

Man muß. sich das richtig klar machen, damit man einsehen kann, daß dieser Zustand fast identisch ist mit dem Fernhalten der Tschechen, Polen und anderer Völker von den Hochschulen während des letzten Krieges aus nationalen machtpolitischen Gründen, dem Fernhalten der Juden aus rassischen Gründen und dem Fernhalten der Arbeiterkinder in der blühenden Zeit des reinen Kapitalismus aus gesellschaftlichen Gründen. Daß niemand bisher an diese Parallelen gedacht hat und daß man deshalb wahrscheinlich nicht unwidersprochen von "machtpolitischen Gründen der Hörenden und normal Sprechenden" reden kann, macht zwar unser Versäumnis verständlicher, entschuldigt es aber nicht.

Doch es genügt nicht, nur für die Begabten unter den behinderten Kindern zu plädieren. Jedes Kind, soweit es fähig ist, hat ein Recht auf Bildung im Rahmen seiner Möglichkeiten. Und diese Bildungsfähigkeit endet nicht regelmäßig bei einem Intelligenzquotienten von 75 oder gar 80, wie es neuerdings von manchen gewünscht wird. Zwar ist dieser Wunsch verständlich, weil Hilfsschüler häufig ein Sammelsurium von imbezillen bis durchschnittlich oder sogar gut begabten Kindern bilden, von denen die letzteren lediglich wegen ihrer Schwerhörigkeit, Sehschwäche, Schreibleseschwäche, Sprach- oder Verhaltensstörung am Unterricht der Volksschule nicht erfolgreich teilnehmen konnte. Doch wäre wohl der richtige Ausweg, ausreichend differenzierte Einrichtungen zu schaffen. Wer einmal in die stillen und trrurigen Gesichter schwerhöriger Kinder gesehen hat, die bei normaler oder besserer Begabung in der Hilfsschule saßen oder die in der Volksschule mehrmals sitzengeblieben waren, weil man entweder ihre Schwerhörigkeit nicht erkannt hatte oder aber weil sich keine Schwerhörigenschule am Ort befand, der wird den unkindlichen Ernst und den entmutigten Gesichtsausdruck so schnell nicht wieder vergessen.

Unter den geistig behinderten Kindern wird es neben den sonderschulfähigen natürlich immer auch solche geben, die wirklich nicht in der Schule zu fördern sind, wohl aber in sprachlicher, motorischer und sozialer Hinsicht in einem entsprechenden Kindergarten, einer Tagesstätte oder in einem Heim. Erst nach ihnen kommen die am schwersten Geschädigten, wo wirklich kaum anderes als reine Pflege und Verwahrung bleibt. Auch hier ist die Not groß. Mir sind Eltern aller sozialen Schichten begegnet, die in der Selbstverständlichkeit ihrer aufopfernden Pflege jeden von uns beschämen. Doch litten gerade sie besonders unter dem Unverständnis und dem geistigen Hochmut ihrer Mitmenschen. Andere Eltern, die aus verschiedenen Gründen ihr Kind selbst nicht pflegen können, müssen manchmal jahrelang warten, ehe ein Platz in einer entsprechenden Anstalt frei wird.

Indessen endet die Eingliederungshilfe für Behinderte keineswegs mit der angemessenen Schulausbildung. Hilfe bei der Berufswahl und Berufsausbildung sind danach die wichtigsten Aufgaben. Dabei muß wiederum mehr auf Fähigkeiten und Möglichkeiten des Behinderten geachtet werden Zentren, die als Non-Profit-Unternehmen ausschließlich von privaten Stiftungen und Spenden getragen werden.

So hat die John Tracy Clinic in Los Angeles, die von der Frau des Schauspielers Spencer Tracy gegründet wurde und geleitet wird, mit 35 Voll- und elf Teilbeschäftigten als Untersuchungs- und Beratungsstelle für taube und stark schwerhörige Kleinkinder und deren Eltern weltweiten Ruf gewonnen. Die Eltern werden dort mit ihren Kindern in mehrwöchigen Kursen für ihre Aufgabe geschult. Ein kostenloser Korrespondenzkurs erreichte seit dem Bestehen (1943) etwa 20 000 Familien aus 76 Ländern. Und diese Arbeit leistet die Klinik ohne jede staatliche Unterstützung ...

Ein holländischer anglikanischer Geistlicher, den ich drüben traf, hat im Libanon eine Schule für taubstumme Araberkinder aufgebaut. Die finanziellen Mittel wurden ihm zu einem erheblichen Teil von jüdischen Amerikanern zur Verfügung gestellt.