Zerbröckelnde Ordnungen: Gefahren, aber auch Chancen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn man die Reden liest, die besorgte Europäer in Frankfurt beim Europakongreß oder bei den Tagungen in Brüssel hielten, dann könnte man meinen, die Regierungen, die es beim Zurechtzimmern der europäischen Institutionen so schwer haben, seien weit hinter ihren Völkern und hinter der Wirklichkeit zurück.

Ein englischer Bekannter schrieb mir kürzlich: "Ich habe jetzt eine deutsche Köchin, ein italienisches Mädchen und im Kuhstall arbeiten nur noch Spanier." Wohlgemerkt, es war ein Engländer, der dies schrieb, ein Bewohner jener Insel, für die angeblich so ganz andere Gesetze gelten als für den Kontinent. Und ein Schweizer berichtet von einer Fabrik bei Basel, "die fast ausschließlich von Türken betrieben wird". Vor dem Krieg konnte man die Fremden, die in Basel lebten, zählen.

Wenn die Europäische Gemeinschaft also allein durch enge Verflechtung ihrer Bewohner zustande käme, wären wir schon ganz schön weit auf diesem Wege. Aber leider reicht das nicht aus.

Um Europa zu einer Einheit werden zu lassen, bedarf es fester staatsrechtlicher Strukturen und Institutionen. Seit Jahren wird an ihnen gearbeitet, viele entscheidende Schritte wurden getan, aber nun, in der Mitte der sechziger Jahre, sieht es plötzlich so aus, als löse sich das bereits Geschaffene wieder auf, als sei die Arbeit von Jahren umsonst. Allenthalben beginnen die Ordnungen der Nachkriegszeit zu zerbröckeln. Wie kommt das?

Die Nachkriegswelt, in der wir uns – so unwirtlich sie war – einigermaßen häuslich eingerichtet haben, geht zurück auf die Konferenzen von Teheran und Jalta, die Europa in eine östliche und eine westliche Einflußsphäre zerteilt hatten. Die heute Dreißigjährigen kennen die Welt nicht anders.