Von Oskar Auweiler

Dr. Oskar Anweiler, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg, fährt hier mit seiner Untersuchung osteuropäischer Erziehungsprinzipien fort. In der vorigen Nummer hatte der Gelehrte von den Bemühungen um die Verbindung von Schul- und Werkbank in der Sowjetunion gesprochen; heute beschäftigt er sich mit der Übernahme des polytechnischen Systems durch die DDR. Wie sich die Theorie in der Praxis darstellt – darüber berichtet Rudolf Walter Leonhardt in seiner Reportage auf Seite 3 dieser Ausgabe.

In dem Geburtsland von Karl Marx, dem geistigen Ahnherrn der polytechnischen Bildung, auf den sich heute die kommunistischen Pädagogen berufen, stößt man westlich der Elbe meistens auf schlichte Unkenntnis, nicht selten aber auch auf kritiklose Bewunderung oder umgekehrt auf schärfste Ablehnung, wenn es darum geht, die Schulverhältnisse östlich der Elbe zu beurteilen. Dabei würde gerade unter dem Blickwinkel der Probleme, die in der Bundesrepublik anstehen, eine objektive und gründliche Beschäftigung mit der mitteldeutschen Schulentwicklung nichts schaden; möglicherweise finden wir dort Wege, die auch hier begangen werden können, neben Irrwegen, die man sorgfältig vermeiden sollte.

"Die Verbindung des Unterrichts mit der produktiven Arbeit der Schüler führt zu einer neuen Qualität der Bildung und Erziehung. Durch den polytechnischen Unterricht wird die Kluft zwischen Theorie und Praxis, Schule und Leben überwunden. Auf der Grundlage der polytechnischen Bildung wird das wissenschaftliche Niveau des gesamten Unterrichts, besonders in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, wesentlich erhöht. Die allgemeinbildende polytechnische Oberschule vermittelt ein umfassendes lebensnahes und anwendbares Wissen. Sie erzieht die jungen Menschen zu Staatsbürgern, die aktiv am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen."

Als diese Sätze in das am 2. Dezember 1959 beschlossene"Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik" aufgenommen wurden, hatte die mitteldeutsche Schule bereits mehrere Etappen hinter sich gelassen. In den ersten Jahren nach 1945 knüpfte man allenthalben an die pädagogische Tradition der Weimarer Zeit an, bis dann seit etwa 1949 eine konsequente Ausrichtung auf das stalinistische Schulsystem in Sowjetrußland erfolgte und die SED alle Schlüsselpositionen im Schulwesen besetzte. Daran hat sich bis heute nichts geändert – im Gegenteil, in den letzten Jahren wurde der politisch-ideologische Druck noch verstärkt; gewandelt hat sich allerdings im Gefolge der russischen Reformen die Einstellung zu dem Problem der polytechnischen Bildung, das bis etwa 1953 kaum eine Rolle gespielt hat, dann aber immer stärker in den Vordergrund gerückt ist.

Im Januar 1959 verabschiedete das Zentralkomitee der SED fünfunddreißig Thesen, in denen es die Grundzüge der neuen polytechnischen Schule entwickelte, die erklärtermaßen "den Weg zur einzig richtigen Lösung der Schulprobleme in Deutschland" zu zeigen beansprucht. Auf diesem Dokument und auf dem schon erwähnten Schulgesetz beruht die gegenwärtige Struktur des Schulwesens im anderen Teil Deutschlands. Am stärksten fällt ins Auge, daß östlich der Elbe vom Herbst 1964 an eine zehnjährige allgemeine Schulpflicht besteht, die in erster Linie in der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule absolviert wird (1962: 2,128 Mill. Schüler), während für einen kleineren Teil der Schüler (1962: 76 195) insgesamt zwölf Schuljahre in der sogenannten erweiterten Oberschule (abzweigend nach der 8. Klasse) vorgesehen sind. Wenn man bedenkt, daß in mehreren Ländern der Bundesrepublik noch nicht einmal ein 9. Pflichtschuljahr voll verwirklicht ist und für das 10. Schuljahr nur vage Pläne bestehen, dann läßt sich der Vorsprung, den die DDR darin besitzt, nicht übersehen. Allerdings ergeben sich aus dieser Verlängerung der Schulzeit auch die anschließend noch zu erläuternden tiefgreifenden Veränderungen in den Zielen und im Charakter der zehnjährigen Normalschule, die neben ihrem allgemeinbildenden zugleich einen berufsbildenden Zweck erfüllt.

Ein weiteres Kennzeichen des mitteldeutschen Schulsystems besteht darin, daß der Weg zum Hochschulstudium in den meisten Fällen über eine Berufsausbildung führt. Während damit einerseits die bisherige Vorzugsstellung der Abiturienten abgebaut und eine Reihe neuer Zugänge zum Studium (Betriebsakademien, Abendoberschulen und andere Einrichtungen) geschaffen wird, gewinnt umgekehrt die "Bewährung in der Praxis" ausschlaggebend Bedeutung für eine Zulassung zum Studium. Das Fernziel verkündete Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED 1958: "Es soll erreicht werden, daß später alle an Universitäten und Hochschulen Studierenden in der Produktion tätig waren oder einen Beruf erlernt haben und das Hochschulstudium selbst mit produktiver Arbeit verbunden wird."