Von Gert H. Theunissen

Unter Gert H. Theunissens Leitung lief, und läuft noch immer, beim Westdeutschen Rundfunk eine Sendereihe "Selbstkritik der Kritiker" (aus unserem eigenen Mitarbeiterstab haben dafür Johannes Jacobi, Rudolf Walter Leonhardt und Marcel Reich-Ranicki Beiträge geschrieben) – sie wird als Buch im Herbst bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen. Die nachfolgende Selbstkritik Gert H. Theunissens will uns so in mancherlei Hinsicht aufschlußreich erscheinen, daß wir sie hier abdrucken. Von allem, was sie lehren kann, erscheint uns eine Lehre besonders wichtig: Das "Anbeten" und das "Verbrennen" markieren so anschaulich wie nur möglich die beiden Grenzbezirke, in denen jede Kritik erstickt. Zwischen ihnen liegt das Reich der Kritik. Bis hart an die Grenzen soll der Kritiker schon gehen (denn ganz in der Mitte liegt verführerisch nichtssagende Lauheit) – aber nie darüber hinaus.

Am 16. Januar 1956 sprach ich abends, in der Zeit von 19 Uhr 15 bis 19 Uhr 30, im Westdeutschen Rundfunk, Mittelwelle, über den Logistiker und Philosophen Dr. Max Bense, heute Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart. Über ihn persönlich und über die damals gerade im Agis-Verlag zu Krefeld und Baden-Baden erschienene Schrift "Descartes und die Folgen".

Inzwischen sind acht Jahre vergangen; inzwischen wurde Max Bense, nach heftigen und höchst unerquicklichen Auseinandersetzungen mit denen, die darüber letzthin zu entscheiden haben, ordentlicher Professor. Aber vorher mußten viele bittere Jahre vergehen. Ein Ministerpräsident und etliche Professoren stemmten sich gegen die Berufung. Ungezählte Studenten standen auf der Seite Max Benses. Allmählich fing auch die Öffentlichkeit Feuer. So kam es zu einem "Fall Max Bense".

Nur wenige wissen, daß mein Vortrag über Bense und seine erwähnte Schrift eine entscheidende Rolle bei denen gespielt hat, die ihn und seine Lehrtätigkeit verdammten. Daß sie dann schließlich doch nicht siegten, sondern Max Bense, viele Studenten und solche Frauen und Männer, die es willkommen heißen, daß einer anderer Meinung ist: dies bedeutet mir ganz gewiß einen Trost.

Aber es ist ein schwacher Trost. Es handelt sich hier – nämlich in meiner Kritik an Max Bense und seinem Werk – um einen Irrtum, der nicht zu trennen ist von Schuld. Ob es eine "Entschuldigung" gibt, weiß ich nicht, es sei denn, man nähme dafür notgedrungen meine Erklärung, wie es denn damals zu den Ungeheuerlichkeiten kam, die ich mir in der Öffentlichkeit gegen Max Bense zu sagen erlaubte; und es sei denn, daß man mir aufs Wort glaubt: Ressentiment und Bösartigkeit waren nicht im Spiel.

Hier will ich, ehe ich zu der notwendigen sachlichen Darlegung komme, hinzufügen, daß sich Max Bense mir gegenüber wie ein Gentleman verhalten hat und es mit sich selber abmachte, was ich ihm an Ungerechtigkeiten zugefügt hatte.