Durch die Verlagskontore der Londoner Fleet Street, dem Zeitungsquartier der englischen Presse, geht ein Aufatmen: 1962 war ein schwarzes Jahr für die englischen Zeitungen; im letzten Jahr war allgemein eine Erholung festzustellen. Hauptprofiteure waren der Daily Mirror (Auflage am Jahresende 4 843 684) und der konservative Daily Express (Auflage 4 317 245).

Noch immer ist der Mirror – mit seinem schottischen Ableger Daily Record (Auflage 1,1 Millionen) – das wichtigste Besitztum im Reich des britischen Zeitungskönigs Cecil King, das seit 1961 den Namen The International Publishing Company trägt.

Der 63jährige Cecil King, mächtigster Zeitungsmagnat der Welt, wirkt, wenn man ihm das erste Mal gegenübersitzt, zunächst wie ein schläfriger, älterer Herr, der vielleicht in seinem Klub beim Lunch einen Tropfen mehr getrunken hat, als seiner Gesundheit gut tut. Er wirkt massig, ein wenig apathisch, in sich gekehrt und – wenn man einen Vergleich aus dem Tierreich gebrauchen darf – er gleicht einem gutmütigen Bernhardiner.

Aber der Mann verwandelt sich sofort, sobald ihn irgend etwas interessiert, seine blauen Augen werden durchdringend, der massige Mann scheint keineswegs mehr fett, sein Partner merkt sehr bald, daß er im Argument, was Präzision, Kürze und Pointierung anlangt, unterliegen muß.

Cecil Kings enorme intellektuelle und administrative Kraft wurde aus zwei Quellen gespeist: Sein Vater, Sir Lucas King, war ein hoher Beamter im indischen Kolonialdienst und wurde später Professor für orientalische Sprachen am Trinity College in Dublin. Seine Mutter hingegen war die Schwester des ersten Zeitungslords der britischen Presse Lord Northcliff

Ohne Frage wurde King von Vater und Mutter in seinem Charakter und in seinen Ambitionen beeinflußt. Was seine Erziehung anging, so folgte er genau dem Beispiel des Vaters: Er besuchte die berühmte Winchester Public-School, um dann in Christ Church, Oxford, zu studieren; er war ein brillanter Scholar und erhielt ein "Second" in Geschichte. Seine Freunde tippten darauf, daß er, damals sehr schlank, sehr gut aussehend, hellblond, die Karriere des Universitätsprofessors einschlagen würde.

Aber es kam ganz anders. Schließlich waren die Lords Northcliffe und Rothermere nicht umsonst seine Onkel. Die Zeitung war mächtiger als der Hörsaal. Es gibt wahrscheinlich in der ganzen Welt keinen Zeitungschef, der ein so gründliches Training hinter sich hat wie King. Er arbeitete zunächst am Glasgow Record. Er war Volontär und wurde durch alle Ressorts des Unternehmens geschleust. Er studierte das Medium der Werbung und des Zeitungsinserats in der Daily Mail seines, Onkels.