München

Rechtzeitig zum Frühjahr wurde in Bayern eine Affäre ausgegraben, die man sich gegenseitig in die Schuhe schieben kann. Es geht, genau gesagt, um sieben Hotels, sieben Wohnhäuser oder Villen, sowie um 225 000 Quadratmeter Grundbesitz im Berchtesgadener Land. Dies alles hat laut notarieller Beurkundung vom 1. August 1957 die Frankfurter Hotelgesellschaft Steigenberger vom Bayerischen Staat käuflich erworben. Zum Preis von drei Millionen Mark, zahlbar in zehn Jahresraten von je 300 000 DM, bei einer Verzinsung von zwei Prozent. Hotels und Grund waren ehemaliger Nazi-Besitz, dem Bayerischen Staat übereignet, damit dieser die von ihm zu leistenden Wiedergutmachungszahlungen mitfinanzieren konnte.

Ein klarer Kaufvertrag, sollte man meinen. Aber da meldete sich 1959 Bayerns Oberster Rechnungshof. Den Rechnungsprüfern erschien nämlich die Summe von drei Millionen doch arg niedrig für Liegenschaften, die einen Einheitswert von mindestens fünf Millionen Mark haben mußten. Erst 1962 gab das Finanzministerium in München die einschlägigen Akten dem Rechnungshof zur Einsicht. Doch bis heute konnte dieser noch kein abschließendes Urteil fällen. In einem Rechnungshofbericht heißt es dazu: "Ob und welche Begründung für die Notwendigkeit des Verkaufs, für die Berechnung des Kaufpreises und für die einzelnen sonstigen Vertragsbedingungen vom Staatsministerium der Finanzen dem Haushaltsausschuß in seiner Sitzung vom 29. Oktober 1957 mündlich gegeben wurden, konnte der Oberste Rechnungshof nicht feststellen, weil ihm die Einsicht in das Landtagsprotokoll nicht gewährt worden ist." Und Einsicht in das Protokoll besagter Haushaltsausschußsitzung konnte nicht gewährt werden, weil es eine Geheimsitzung war.

Die vielzitierte "Umgebung" des Finanzministers Rudolf Eberhard verweist darauf, daß jenes Geschäft mit den Hotels ja noch vom Finanzminister der ehemaligen Viererkoalition – also ohne CSU-Beteiligung! – getätigt wurde. Der Ministerialbeamte, der die Sache 1957 bearbeitete, der heutige Ministerialdirektor Freudling, meint zurückhaltend, daß eine "rein individualistische Betrachtungsweise" hier nicht angebracht sei. Schließlich habe man damals auch an die Hebung des Fremdenverkehrs denken müssen, und in diesem Zusammenhang seien die reichen Erfahrungen des Steigenberger-Konzerns sehr wichtig gewesen.

Nur ganz verschwommen kann sich Friedrich Zietsch, zur Zeit des Vertragsabschlusses mit Steigenberger Finanzminister, noch an die Angelegenheit erinnern. Nach sieben Jahren sehe alles anders aus, erklärte er nachdenklich. Aber man solle doch den Panholzer fragen, der habe das Endgültige bearbeitet.

"Der Panholzer" war seinerzeit Staatssekretär von Zietsch. Auch er winkt ab. "Es gibt viele Sachen, die man nicht versteht." Man habe damals für die großen Hotelobjekte einen seriösen, erfahrenen Mann gebraucht. Steigenberger mit seinen vielen Hotels und seinen weltweiten Beziehungen sei halt der richtige Mann gewesen. Und die kulanten Bedingungen? Ach, der Hotelier wollte anfangs nicht so recht anbeißen, und da habe man ihm entgegenkommen müssen. In einer solchen Situation könne man sich nicht an den abstrakten Realwert klammern, sondern man müsse die Rentabilität der Objekte für Steigenberger berücksichtigen.

Steigenberger gebietet über ein beträchtliches Hotelleriereich und kalkuliert scharf. So legte er zunächst großen Wert auf die Feststellung, daß man in die ihm angebotenen Hotels erst einmal unheimlich viel Geld hineinpumpen müsse, bis sie sich rentierten. Einmal paßten ihm die zu engen Gänge in einem Hotel nicht – "Da kommen ja die Ober mit den Tabletts nicht durch" –, dann vermißte er Wieder Balkone. Ein andermal war ihm die Küche "zu umständlich" angelegt oder es störten ihn die schwarzgekachelten Bäder. Na, und allmählich wurde man so doch handelseins. Steigenberger erhielt sogar noch eine Nutzungsentschädigung von Staats wegen dafür zugesprochen,-daß ja die gekauften Objekte noch von den Amerikanern beschlagnahmt waren.