Soeben bestiegen auf dem Flugplatz Wien-Schwechat zwanzig Passagiere höchsten Ranges eine Maschine nach den USA. Nur völlig Fremde könnten behaupten, sie seien verladen worden. Denn obschon es sich dem Augenschein nach um Pferde handelte, wußte jeder Wiener, daß sie in Wirklichkeit vips sind, very important persons, und Anspruch auf einen entsprechenden Service und gebührende Publicity haben.

Zwanzig Lipizzaner flogen in die Vereinigten Staaten. Das sagt und schreibt sich so, als handele es sich um eine schlichte Auslandsreise der Philharmoniker, der Staatsoper oder sonst eines weniger wichtigen Ensembles. "Die Herren Lipizzaner", wie sie ein Wiener Dichter nennt, erheben Anspruch auf größere Beachtung. "Uns hat Kaiser Joseph gestreichelt, erinnern Sie sich, Baron?" So läßt der in den dreißiger Jahren verstorbene Dichter Peter Hammerschlag die "Herren Lipizzaner" von Box zu Box konversieren, und wer diese vierbeinigen Tänzer in der barocken Hofreitschule Karls VI. erlebt hat, wird verstehen, daß ihre amerikanische Tournee in Wien Stadtgespräch ist.

Jacqueline Kennedy hat das Protektorat übel die Herren Künstler übernommen. Der Direktor des österreichischen Informationsbüros in New York ist nach Wien geflogen, um die weißen Pferde feierlich einzuholen. Zwei Flugzeuge wurden zu ihrem Transport, pardon: für ihre Dienstreise eingerichtet. Pflegepersonal, Bereiter, Oberbereiter, Ärzte gehören zu allerhöchst derselben Suite, der die Wiener Presse ihre Glückwünsche entbietet und über deren wertes Befinden sie spaltenlange Berichte veröffentlicht. Der Direktor der spanischen Reitschule – im Range eines Hofrates – begleitet die hochgestellten vierbeinigen Staatsbeamten; er ist dafür verantwortlich, daß sie auf der Reise keinen Grund zur Klage finden.

Die Behauptung, aus Gründen des Protokolls und um die weißen Pferde nicht zu verstimmen dürfe während des Reisens von den Stewardessen nur "White Horse" serviert werden, ist eine Übertreibung und wird dementiert. Hingegen bewegt die Wiener die Frage, ob die fliegenden Pferde nach ihrer sechswöchigen Tournee berechtigt sein werden, den Amtstitel Pegasus zu führen – erster, zweiter und dritter Klasse selbstredend, genau wie es eine österreichische Beamtenkarriere vorsieht.

Was dergleichen teure Güter angeht: Mona Lisa überstand Hin- und Rückfahrt unversehrt, die Venus von Milo kam mit lädierten Gewandfalten in Tokio an, um Michelangelos Piäta bangt die Kunstwelt. Sorgt sich denn keiner um die Rosse? Roland Nitsche