Wie ein Mausoleum blickt das "Palais des Nations" von einer Anhöhe auf den Genfer See hinunter. In ihm wurde am 9. April 1946 der Völkerbund zu Grabe getragen. Seitdem dient der Palast, bei dessen Umschreiten man zwei Kilometer zurücklegt, als Tagungsstätte für internationale Konferenzen und ist der Sitz des europäischen Büros der Vereinten Nationen und einer Reihe von Sonderorganisationen. Die Themen, die in seinen 22 Sitzungssälen und den 886 Büros behandelt werden, sind meist ebenso kompliziert wie der architektonische Aufbau des Gebäudes. Das "Palais des Nations" in Genf gilt daher als Symbol für "hoffnungslose Fälle", für gescheiterte Konferenzen.

Die Schatten der fruchtlosen Bemühungen während der Abrüstungsgespräche, der Laos-Konferenz, der "United-Nations-Konferenz für die Anwendung von Wissenschaft und Technik zum Wohle der Entwicklungsländer" schwebten über den 2000 Delegierten, die aus 119 Ländern am 23. März zur "United-Nations-Konferenz für Handel und Entwicklung" nach Genf kamen. Die Konferenz soll bis zum 15. Juni eine Neuordnung des Welthandels beraten, die es gestattet, den ständig wachsenden Graben zwischen den reichen und den armen Nationen zu überbrücken.

"Wahrscheinlich sah man noch nie eine so breite Front von offenen Händen", meinte ein schwarzer Delegierter im Hinblick auf die Forderungen, mit denen die Entwicklungsländer zur Welthandelskonferenz gekommen waren.

"Die Stunde des reichen Nordens hat geschlagen", warnte der brasilianische Unterstaatssekretär für Wirtschaftsfragen, Jaime Azevedo Rodrigues. Die meisten Entwicklungsländer drückten ähnliche Auffassungen aus, als sie vom grauen Rednerpult aus der Plenarversammlung mit beschwörenden Worten die Größe der Wirtschaftsprobleme, sei es beim Verkauf indischer Fahrräder oder nigerianischer Kakaobohnen, vor Augen führten. Braune, gelbe und schwarze Gesichter überwogen in dem großen Plenarsaal im "Palais des Nations". Ihre bunten Gewänder kontrastierten mit den grauen Wandbehängen und dem dunkelblauen Teppich in dem großen quadratischen Saal, durch dessen hohe, schmale Fenster die warme Frühjahrssonne fiel. Die Delegierten saßen ernst an ihren braunen Holzpulten und hörten sich die 117 Redner, darunter über 100 Minister, an, die während der ersten drei Wochen für ihre Länder die Fronten absteckten.

Doch die Industrieländer, an die sich die Forderungen der Entwicklungsländer richteten, zeigten sich wenig beeindruckt. Sie wiesen die jungen Staaten vielmehr nüchtern in die Schranken und machten sie darauf aufmerksam, daß die Entwicklungsländer selbst ihr Schicksal ändern müßten.

"Wir sind bereit, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, aber nicht, uns durch unverschämte Forderungen einschüchtern zu lassen", meinte der Delegierte eines Industrielandes in einem Gespräch in der Vorhalle des Plenarsaals.

Die politische Lage hat sich seit der Geburt der Idee zur Welthandelskonferenz entscheidend verändert. Der ursprüngliche Vorschlag zur Konferenz ging von der Sowjetunion aus. Sie brachte ihn 1956 in der Generalversammlung der Vereinten Nationen vor. Eine Welthandelskonferenz erschien ihr ein angemessenes Schlachtfeld im kalten Krieg gegen den Westen. Die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt waren bis 1954 ständig angestiegen, da die Industrieländer ihre durch den Krieg geleerten Läger wieder auffüllen mußten. Als der Sättigungspunkt erreicht war, sanken die Preise langsam, aber unaufhaltsam wieder. Die Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika wurden nervös – und die Sowjetunion witterte eine Chance und warf sich zu ihrem Fürsprecher auf.