Der Welt den Spiegel vorhalten", das wollen Moralisten schon seit Jahrhunderten, und sicherlich ist das ein verdienstvolles Unternehmen. Doch sieht sich die Welt im Spiegel wirklich so, wie sie ist? Genaugenommen nicht, denn sie sieht ihr Spiegelbild, und das wird zumindest einige Naturwissenschaftler nachdenklich stimmen, die sich fragen: Könnte all das, was man da im Spiegel sieht, wirklich in unserer Welt vorkommen?

Das Spiegelbild eines Apfelbaums, eines Pferdes, einer Fliege würden wir jederzeit wieder als Apfelbaum, Pferd und Fliege identifizieren, ohne daß wir dabei irgendwelche Einwände zu erheben hätten. Aber es gibt Dinge, die man nicht spiegeln darf, ohne daß sich dabei eine ihrer wesentlichen Eigenschaften ändert. Der Paradefall hierfür: die gestreckte Spirale, Schraube oder, wie man heute allgemein sagt, die Wendel – veranschaulicht etwa durch eine Sprungfeder. Sie ist das durchsichtige mathematische Symbol für alle solche Strukturen, denen ein Links-Rechts-Sinn zukommt. Unabhängig von Material, Proportionen und absoluter Größe lassen sich alle in unserer Welt vorkommenden Wendeln in zwei Klassen einteilen, zwischen denen es keine Übergänge gibt: Linkswendeln und Rechtswendeln.

Man kann sich leicht davon überzeugen: Drehen und Wenden nach allen Seiten vermag die Linkswendel nicht in eine Rechtswendel zu verwandeln oder die Rechtswendel in eine Linkswendel. Gerade das passiert aber, wenn wir diese Figur vor einen Spiegel halten: Spiegelung nämlich kehrt den Windungssinn der Wendel um. Für die oben gestellte Frage haben wir also jetzt einen konkreten Angriffspunkt: Spielt die Struktur der Wendel eine Rolle in der Natur, und wenn ja, auch der jeweilige Schraubensinn?

Betrachten wir die südafrikanische Schraubenantilope, den Kudu. Sein Gehörn besteht aus zwei überdimensionalen Korkenziehern, die bei einer Spiegelung eine Umkehr des Windungssinnes erfahren. Wird dadurch der Kudu zum nicht existenten "Anti-Kudu"? Nein, denn bei der Spiegelung wird gleichzeitig die Stellung der Hörner am Schädel vertauscht, und diese beiden Umkehrungen heben einander auf. So ist auch der gespiegelte Kudu ein Kudu.

Denken wir uns jetzt einen Splitter seines Horns milliardenfach vergrößert, so gelangen wir in molekulare Dimensionen. Der Stoff, aus dem solche Hörner, auch Hufe, Nägel, Haare und Federn der Tiere aufgebaut sind, ist ein mechanisch besonders robuster Eiweißstoff, das Keratin. Wegen seines fast kristallartigen Aufbaus konnte es mit den Methoden der Röntgenkristallographie untersucht werden. Die gewonnenen Daten wurden mit rein theoretischen Überlegungen über Atombindungsabstände und -winkel kombiniert, und es ergab sich für die Kettenmoleküle des Proteins ein Raummodell, das für immer mit dem Namen des zweifachen Nobelpreisträgers Linus Pauling verbunden ist: die "Alpha-Helix", eine Wendel im molekularen Größenbereich. Sie kann rechts oder links gewunden sein.

Wer die molekulare Spiralisierung des Keratins anschaulich erleben will, ohne eine komplizierte Apparatur zu benutzen, nehme ein kräftiges Haar, feuchte es an und übe einen leichten Zug darauf aus: Das Haar redet sich plötzlich um ein beachtliches Stück, die Helix wurde zu einem beachtlichen Stück auseinandergezogen.

Noch eine andere molekulare Schraubenstruktur wurde in den letzten Jahren bekannt: die "Watson-Crick-Spirale" der Erbsubstanz DNS. Diese Wendel besteht, wie der Biologe J. D. Watson und der Physiker F. H. C. Crick gezeigt haben, aus zwei umeinander gewundenen Molekülketten. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung erklärt lediglich die Verzahnung der Einzelstränge einige wichtige Funktionen der Erbsubstanz, nicht aber die Verzwirnung des Doppelstrangs. Im Gegenteil, sie ist das einzige, was den Molekularbiologen heute noch am Watson-Crick-Modell Sorge macht. Denn einerseits ist diese Struktur unzweifelhaft erwiesen, andererseits zwingt sie zu der unbehaglichen Vorstellung, das wertvolle Erbgut müsse vor jeder Zellteilung mit einer Geschwindigkeit von rund zehntausend Umdrehungen je Minute um seine Längsachse rotieren. Denn bevor sich die beiden Tochterstränge voneinander trennen können, müssen sie innerhalb kurzer Zeit entzwirnt werden, was, wie man sich an jedem Bindfaden klarmachen kann, ohne Rotation nicht möglich ist.