Von Nina Grunenberg

Berlin

Warum gerade ich?", fragt die blonde Berliner Soubrette Rosemarie Moogk verständnislos, die blauen Porzellanaugen weit aufgerissen. Seit zwei Jahren ist sie das Opfer einer Kampagne, die sie nicht nur Nerven kostet, sondern auch die Chance, als Operettensängerin in Berlin noch Arbeit zu finden, Rosemarie Mookg bleibt bei ihrer ratlosen Frage, obwohl ihr von der "BZ", der "größten Zeitung Berlins", schon mehr als einmal eine Antwort zuteil wurde, zuerst am 12, Dezember 1961 unter der Schlagzeile: Westberliner Operettensängerin bleibt in Pankows Sold – Die Mauer interessiert sie nicht."

Tatsache war, daß Rosemarie Moogk zwölf Tage vor Erscheinen des Artikels ein Engagement im Ostberliner Friedrichstadt-Palast beendet hatte. Es war ihr drittes und zugleich letztes Gastspiel in Ostberlin. Das erste Mal hatte sie dort im April 1961 bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung mitgewirkt, zusammen "mit mindestens dreißig Westberliner Künstlern", ohne Gage. Mit dem Operetten-Querschnitt, der dem Ostberliner Publikum an diesem Abend geboten wurde – Motto: Berlin bleibt doch Berlin – hatten die Künstler vorher schon auf Kerzenabenden und Hausfrauennachmittagen die Westberliner Bezirke abgetingelt.

Im Juni des Jahres lief im Friedrichstadt-Palast unter dem selben Motto ein erweitertes Programm, für das Frau Mookg – neben anderen "West"-Künstlern – zum ersten Mal für einen Monat fest verpflichtet worden war. Noch während ihres Engagements wurde ihr ein sogenannter Re-Vertrag für den Monat November angeboten. Sie unterschrieb ihn am 1. August. Dreizehn Tage später baute Ulbricht die Mauer. Die Sängerin hatte bis zum 1. November Zeit zu überlegen, ob sie den Vertrag mit Ostberlin erfüllen oder vertragsbrüchig werden sollte.

Die Ost-West-Beziehungen der Berliner Künstler waren schon immer Kontrovers. Einmal traten sie ganz offiziell in Ostberlin auf, und es hieß: "Besuch der Brüder und Schwestern". Das andere Mal wurde ihr Auftritt aus politischen Gründen mißfällig kommentiert oder untersagt. Einen für alle verbindlichen Kodex gab es nicht. Die Westberliner Kritiker hatten schon lange vor dem Bau der Mauer beschlossen, Aufführungen im Osten nicht mehr zu besprechen. Dennoch fanden sie sich vollzählig ein, sobald in der Felsenstein-Oper Premiere war.

Besonders schwierig ist das Berliner Leben für die Künstler aus dem Operettenfach. In Westberlin gibt es weder ein Operetten-Theater noch eine Kammer-Oper. Ihr Haus war einmal der Friedrichstadt-Palast. Die Westberliner leichte Muse erreute sich zudem nicht des Wohlwollen des Kultursenators Tiburius. Seiner Meinung nach wir sie "künstlerisch minderwertig". Auch die Westberliner Sender konnten den Künstlern nicht helfen. Ihnen fehlte das Geld für Operetten-Pioduktionen. Eine Soubrette wie Rosemarie Moogk tingelte deshalb überall dort, wo sich ihr eine Gelegenheit bot, auf Bunten Abenden, Hausfriauennachmittagen, im Westen oder im Osten. Bis zum 13. August 1961 nahm daran auch niemand Anstoß. Für Frau Moogk kam hinzu, daß ihre Mutter und Schwester noch drüben lebten. "Mein Auftritt in Ostberlin ist für zwei Jahre die einzige Möglichkeit gewesen, um sie wiederzusehen", berichtet sie.