Togliatti und Gheorgiu-Dej, werde nur die endgültige Spaltung bringen – und gleichzeitig die Position der zwei Führungsmächte festigen. "jede Partei löst ihre inneren, nationalen Aufgaben entsprechend den Bedingungen und Bedürfnissen ihres Landes", hieß es deshalb in der "Trybuna Ludu". Das Thema "Konferenz" blieb unerwähnt; dafür solle man die gefährdete Einheit der Arbeiterbewegung "auf dem Wege gegenseitiger Konsultationen", also der unverbindlicheten, mehr zweiseitigen Kontakte, suchen – "bei voller Achtung der Gleichheit und Selbständigkeit der einzelnen Parteien und sozialistischen Länder", wie hurtig hinzugefügt wurde.

Chruschtschow scheint verstanden zu haben, was die Widerstrebenden in seinem Lager befürchten. Eilig lud er Gomulka, seinen wichtigsten Verbündeten in Osteuropa, zum Geburtstagspiausch nach Moskau ein. Und am Tage vor der Ankunft der Polen beschwor er fast flehentlich seine guten Absichten: "Freunde müssen sich regelmäßig besuchen, sie müssen zusammenkommen und sich unterhalten, sonst verwandelt sich Freundschaft in bloße Formsache ... Die Einheit der Ansichten, die einmal hergestellt wurde, bleibt nicht von selbst und für ewig bestehen ... Solche Zusammenkünfte sind besonders wichtig unter den gegenwärtigen Bedingungen der spalterischen Aktionen der chinesischen Führer ... Wir haben für immer aus unseren gegenseitigen Beziehungen das Element, anderen Bruderländern die Erfahrungen und die Politik eines Landes aufzuzwingen, beseitigt... Es darf in der sozialistischen Familie keine Großen und Kleinen, keine unfehlbaren Lehrer und gehorsamen Schüler geben." – An diesen Sätzen spürt man, wie sehr den sowjetischen Parteichef der Arwohn seiner Freunde bedrückt, wie sehr ihm daran liegt, die "Familie" um sich zu scharen...

Hat er den Gedanken des großen "Familienrates", aus dem Mao, das schwarze Schaf der kommunistischen Familie, ausgestoßen werden soll, schon aufgegeben? Zumindest aus taktischen Gründen ist die Idee, für die sich Suslow so erwärmt hatte, zunächst einmal in den Hintergrund getreten, obwohl sie auch eifrige Befürworter fand, zum Beispiel die französischen, tschechischen, bulgarischen und deutschen Kommunisten.

So wichtig für Chruschtschow zum Beispiel das Votum Ulbrichts ist, der sich mit besonderer Dienstfertigkeit sogleich gegen die Chinesen stark machte, so viel schwerer wiegt doch die Reserve Gomulkas. In Moskau weiß man, daß aus dem ideologisch so rissig gewordenen Boden überall auch das Unkraut nationaler Interessenunterschiede sprießt. Nicht nur auf dem Balkan, auch zwischen Polen, Ostdeutschen, Tschechoslowaken. Das könnte peinlich werden, wenn die Chinesen plötzlich eine Karte ausspielten, die sie noch sorgsam in der Hinterhand halten: die deutsche Frage.

Die Garantie der Elbe-Werra-Linie und der Oder-Neiße-Grenze bildet heute das festeste Band zwischen Moskau, Polen und der DDR. Am 4. April, am Tage nach der Ankunft des neuen DDR-Botschafters in China und am Tage der Veröffentlichung der Suslow-Rede, befaßte sich ganz plötzlich nach langer Zeit die Pekinger "Volkszeitung" mit diesem Thema: In einer Polemik gegen Bundeskanzler Erhards Rede vor den Landsmannschaften verteidigten die Chinesen den Status quo in Mitteleuropa. "Immer aggressiver" werde die Regierung Erhard – mit amerikanischer Ermunterung, hieß es da. Die Komplimente, die Moskau und Washington neuerdings wieder austauschen, könnten leicht zu gefährlichen Argumenten im ideologischen Störungsspiel Pekings werden.