Der Kremlherr – ein Reformer, der nicht über den Schatten der Vergangenheit springen konnte

Von Wolfgang Leonhard

Die Führer der kommunistischen Weltbewegung sind alt geworden. Chruschtschow wird am 17. April 70 Jahre alt. Sein chinesischer Gegenspieler Mao Tse-tung hat im vergangenen November das gleiche Alter erreicht. Nordvietnams Ho Tschi-min, Jugoslawiens Staatspräsident Tito, Walter Ulbricht in Ostberlin, die KP-Führer Frankreichs und Italiens, Thorez und Togliatti, die führenden KP-Repräsentanten Lateinamerikas, Prestes aus Argentinien und Codovilla aus Chile – sie alle sind jetzt über 70. In ihren politischen Ansichten unterscheiden sie sich in vieler Hinsicht, aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie stammen noch aus der alten Kominternzeit, begannen ihre revolutionäre Tätigkeit meist schon in den zwanziger Jahren, rückten im Laufe der dreißiger Jahre zur Spitze auf, wirkten ein oder zwei Jahrzehnte als disziplinierte Schüler Stalins; erst in den letzten Jahren, nach dem Tode des Diktators, haben sie eigenes Profil gewonnen.

Von allen Exponenten der kommunistischen Weltbewegung, die heute das 70. Lebensjahr überschritten haben, ist Chruschtschow zweifellos der mächtigste Mann – zugleich aber auch die widerspruchsvollste Gestalt. Fast drei Jahrzehnte hat er Stalin unterstützt. Nach seinem Tode wurde er zu einem seiner schärfsten Kritiker. Chruschtschow ist von der führenden Rolle der Partei durchdrungen, aber er hat praktische Wirtschaftsfragen in den Mittelpunkt der Parteiarbeit gestellt und den Fachleuten einen nicht unbeträchtlichen Einfluß eingeräumt. Er wirkt als Praktiker und Pragmatiker, aber unter seiner Herrschaft ist die ideologische Schulung nicht etwa vermindert, sondern beträchtlich erweitert worden. Immer wieder fordert er praktische Detailkenntnisse, er forciert das "Prinzip der materiellen Interessiertheit" (lies: das Gewinnstreben) und doch glaubt er fest an eine zukünftige ideale kommunistische Gesellschaft in der UdSSR und den unvermeidlichen Sieg des Kommunismus in der ganzen Welt.

Wie reimt sich das alles zusammen? Wie lassen sich diese Widersprüche erklären? Zweierlei muß dabei berücksichtigt werden: erstens Chruschtschows Jugend und sein Aufstieg unter Stalin, zweitens jenes widerspruchvolle Übergangsstadium, in dem sich die Sowjetunion gegenwärtig befindet, die Umgebung also, in der Chruschtschow heute wirkt.

Noch nie hat ein kommunistischer Führer so oft über sein eigenes Leben gesprochen wie Chruschtschow. In den über hundert Erinnerungen aus seinem Leben, die in seinen Reden eingeflochten sind, steht seine Jugendzeit im Vordergrund. Chruschtschow ist nicht, wie Lenin oder Stalin, von seiner frühesten Jugend an Berufsrevolutionär gewesen. Als Sohn einer verarmten Bauernfamilie – seine Eltern mußten im Jahre 1900 ihren Hof in Kalinowka aufgeben und zogen in das Bergwerksgebiet Rutschenkowo im Donbass – hatte der junge Nikita eine schwere Kindheit. Schon als Neunjähriger verdingte er sich als Hirt beim Grundbesitzer Schauffuß. Für die Schule blieb für den lerneifrigen und wißbegierigen jungen Nikita nur wenig Zeit. Als Fünfzehnjähriger, im April 1909, trat er als Schlosserlehrling in den (damals deutschen) Bergbaumaschinenbetrieb Bosse ein. Seine freie Zeit verbrachte er meist bei seinem Jugendfreund Päntelej Machinija, einem Ukrainer, bei dem sich die jungen Arbeiter des Betriebes trafen.

Bergmann, Schlosser, Agitator