Von Wolf D. Rogosky

Ich wollte die Einladungskarte gerade fortwerfen, da ich nicht die Absicht hatte, die Ausstellung abstrakter Bilder eines meiner weiteren Bekannten zu besuchen. Es war nur ein Wort, das mich bestimmte, doch hinzufahren.

Mein Bekannter heißt Sidney Irving Shopira, er nennt sich Shmuehl, um seine jüdische Abkunft als in Amerika geborener Sohn russischer Emigranten an der Seite seiner französischen Frau in Deutschland zu unterstreichen. Seit ich ihn kenne, lebt und arbeitet er in Hinterbach, einem Achthundert-Seelen-Dorf in der Rhön; seinen Lebensunterhalt bestreitet er durch das Verkaufen von Enzyklopädien, Pullovern und handgemalten Porträts amerikanischer Soldatenbräute; wenigstens hat es den Anschein. Mir ist das nie recht klargeworden, denn Kauf und Verkauf geht in der Hauptsache bargeldlos vor sich, spielt sich ab auf den Seiten von Shopiras Notizbüchlein; die Dinge, die er einkaufte, konnte er deshalb so selten bezahlen, weil er für die Dinge, die er verkaufte, noch nicht bezahlt worden war. Vielleicht lebt er wirklich von den erklecklichen Summen und ausgefallenen Nationalitäten, die in seinem Büchlein verzeichnet sind. Er hat aber auch einige Freunde.

Auf der Einladungskarte stand, man stelle einige Bilder des Malers Shopira, Paris, aus. Paris! dachte ich. Da schau her. Wenn dieses große Wort der Deckname für das kleine Dorf in der Rhön war, woher mochte dann Dean Stratford, New York, kommen, der die Laudatio halten sollte?

Dieser kleine Umstand der Unrichtigkeit von "Shopira, Paris" ist bezeichnend für all das, was um Menschen von der Art meines Bekannten abläuft. Man kann es mit dem Pokerspiel vergleichen. Ein jeder weiß, daß der Nebenmann blufft, doch wird die Würde überall gewahrt. Ich sah mir also das Spiel an.

Am Eingang der galeriegrauen Räume erhielt ich nach dem Vorweisen meiner Karte ein Lächeln und eine Einladung zur Subskription (Gedichtband zehn Seiten, zehn Gedichte, zehn Farbholzschnitte dazu, junger Lyriker und Shopira, Paris; eilige Unterschrift: vierzig Mark, Zögern: morgen schon fünfzig). Ich hatte das Blatt noch in der Hand, als mein Bekannter mich entdeckte. Er kam auf mich zu, ich bewunderte seine zeitlose Kombination von Schnauzbart und Pullover, mit der er sich von den bereits erschienenen Smokings und Persianern differenzierte, er begrüßte mich, schlug mir auf die Schulter, mischte deutlich Deutsch und seine Landessprachen, zog seine Frau herbei, die auf Französisch in mich drang, der kleine Sohn im Pyjama hüpfte an meinem Bein empor, es war laut, es war herzlich, schön, ich befand mich mit einem Schlag in der großen Welt. Ich war geblendet, trat zurück, verletzte mich an einem Drahtverhau, das schmerzte, doch genoß ich den Schmerz, als mir beim genaueren Hinschauen ein Zettelchen auswies, daß es sich um eine empfindsame Plastik handelte. Ich möge die Güte haben, bat mich Shopira, in einer ruhigen Minute ihm zu übersetzen, was in den zehn Gedichten ausgesagt sei, die er da illustriert habe.

Es waren etwa dreißig Leute im Raum, der größte Teil davon Frauen, der größte Teil davon verwitwet oder doch offensichtlich auf eine andere Art und Weise verlassen. Dieses Publikum hatte die Haltung von Kunstbetrachtern eingenommen; es bewegte sich vor den Bildern wie Tertianer, die einer gemalten Dame in den Ausschnitt gucken wollen. Über den Ernst und die Würde dieser Vorgänge bestand kein Zweifel, indem nämlich die spärlichen Äußerungen in mindestens fünf Sprachen getan wurden: Französisch, Amerikanisch, Englisch, Basic-Englisch und Pidgin. Ein Besucher, der beim Eintreten fröhlich guten Abend wünschte, zog die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Jetzt begann Dean Stratford die Gäste der Vernissage um sich zu versammeln, um zu bemerken, daß man zur Betrachtung dieser Bilder sich auf nichts anderes einzulassen habe als eben auf jenes Viereck Leinewand, auf das Shopira seine Naturszenen (das erleichterte Aufatmen!) banne. Ich sah mich um. Vor mir saß in einem Dings von nüchterner Sachlichkeit eine ältere Lady, deren ringbedeckte Linke sich um den ziselierten Goldgriff ihres Krückstockes spannte. In die alte Haut ihres Gesichtes waren Sommersprossen eingestreut, und in ihrem Blick, mit dem sie Stratford während seiner Rede maß, lag etwas unnachahmlich Strafendes, wovon die Ursache leicht in den beiden Eheringen am vierten Finger ihrer rechten Hand verborgen sein mochte.