In der ZEIT (Nr. 10/64, Robinsonaden mit Kühlschrank und Angel) war neulich auf jene Eilande hingewiesen worden, auf denen Zeitgenossen, die an "Pathologia Insularis" litten, ganze Robinsonaden "mit und ohne Komfort" verbringen könnten. Mit Genugtuung habe ich vermerkt, daß die Berichterstatterin eine Inselgruppe übersehen hat, wo die Annehmlichkeiten des Lebens überhaupt nicht vorhanden sind, wo der Abenteurer – von Gast kann dort gar keine Rede sein – selbst die größten Anstrengungen machen muß, um dort festen Fuß fassen zu können. Paß oder Ausweis spielen dort gar keine Rolle, da nur überzeugte Naturalisten Landungserlaubnis erhalten. Vergeblich wird man die Inselgruppe auf den gewöhnlichen Karten suchen. Sie liegt achtzig Seemeilen westlich von den äußersten Hebriden und gehört zum geographisch ausgedehntesten Wahlkreis von Großbritannien, der übrigens nur aus Inseln besteht und in Westminster von Jo Grimond, dem Führer der britischen Liberalen, vertreten wird. Nur braucht er sich auf jener Inselgruppe überhaupt nicht sehen zu lassen, da ihre letzten Bewohner bereits 1930 evakuiert worden sind. Vorher lebte dort seit den Zeiten der Wikinger eine Gruppe nordischer weißer See-Indianer, die nur Gälisch sprachen und sich ihren Proteinbedarf ausschließlich durch Seevögelnahrung zu decken hatten.

Diese vier Inseln besitzen die höchsten und steilsten Meerfelsen im Atlantik. Sie sind die Heimat von drei Tieren, die niemals anderswo anzutreffen sind: einem Seezaunkönig, einer Schafrasse, die lebendige Fossilien einer sonst ausgestorbenen Art vorstellt, dort seit über 1000 Jahren ansässig ist und heute völlig verwildert in einen Urzustand zurückfällt. Außerdem gibt es dort eine einzigartige Feldmaus, der es innerhalb eines Jahres seit Abzug der letzten 36 Bewohner gelungen war, ihren Vetter, die dortige Hausmaus, zu vertilgen, die einfach nicht mehr die gewohnte Hausdiät zu knabbern fand. Auf dieser Inselgruppe nistet ein Viertel aller Seetölpel der Welt. Ferner hat sich eine gleiche Anzahl der Eissturmvögel die schärfsten Klippen zu einer Art von Marine-Grand-Hotel umgebaut. Ferner halten dort die atlantischen Papageientaucher ihren jährlichen Familientag ab und verteidigen sie stets aufs Neue gegen die Invasion der Schwalbensturmvögel. Jedenfalls stellt die Inselgruppe das perfekte natürliche Schongebiet für alles wilde Seeleben im Nordatlantik vor.

Die Briten besitzen auf den Inseln eine Radarstation und im Sommer eine Forschungsstation für Marinebiologen. Die Hütten der Ureinwohner, die aus einem Trockenstein gebaut waren, mit einem Dach aus Gras, sind seit der Evakuierung wiederhergestellt worden, so daß eine primitive Behausung geboten werden kann. In diesem Sommer soll endlich damit begonnen werden, systematisch archäologische Ausgrabungen vorzunehmen, da es keine historischen Anhaltspunkte gibt, seit wann die Inseln besiedelt gewesen sind, obwohl die Reste einer primitiven Kirche sicherlich tausend Jahre alt sein müssen. Reste von Bienenstöcken und unterirdischen Behausungen deuten darauf hin, daß auf diesem westlichsten Grenzpunkt Europas noch allerhand Geheimnisse zu schlummern scheinen.

Es ist allerdings ein Glücksspiel, diese Inseln zu erreichen, da gewöhnlich der Atlantik in einer fremdenfeindlichen Stimmung ist. Doch sollen Mai, Juni und Juli die sichersten Monate sein, um diese zauberhafte Szenerie zu genießen, die an Wildheit und Kliff-Formation ihresgleichen auf der Welt sucht. Gelegentlich umkreisen Dampfer dieses wunderbare Marineparadies, auf dem sich Archäologen, Feldmäusespezialisten, Sturmschwalbenkenner, Seetölpelzähler und andere Registratoren kolossaler Experimente der Natur ein jährliches Stelldichein geben. Nur muß man einer solchen nordatlantischen Berufs Vereinigung angehören, um auf dieser Ultima Thule landen zu dürfen. Ihr amtlicher Name ist übrigens: St. Kilda. Ein Heiliger dieses Namens ist niemals im "Wer ist Wer unter den Heiligen?" verzeichnet gewesen. Die Inseln gibt es indessen tatsächlich. Nur mußte ich mich verpflichten, keinerlei Auskunft zu geben, wie man dort hingelangt. So abenteuerlich müßte ein begeisterter Vogel-Robinson schon selbst sein, um die sturzwogige Anfahrt herauszufinden. Ich kann ihm nur versichern: Sie existiert. Alex Natan