Berlin, im April

Der US-Stadtkommandant in Berlin ordnete dieser Tage eine verblüffende Maßnahme an: Am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße konnte ein Zivilist mit einem Ausweis des DDR-Außenministeriums für Ostblockdiplomaten die Sperre passieren. Nach Stunden schon stellte sich heraus, daß deutsche und alliierte Dienststellen lediglich in einen Verfahrensstreit geraten waren. Von einer "neuen Politik" der Amerikaner, die manche Westberliner schon zu erkennen glaubten, kann also keine Rede sein.

Zwischen dem 10. und 20. März bemerkten Westberliner Polizeibeamte zum ersten Male, daß Diplomaten aus dem Ostblock völlig neue Ausweispapiere vorzeigten. Statt der eigenen Diplomatenpässe präsentierten sie ein Schriftstück des DDR-Außenministeriums. Darauf standen der Name des Diplomaten, sein Titel und die Botschaft, der er angehört. Es fehlte die Staatsangehörigkeit.

Die Senatsverwaltung für Sicherheit und Ordnung erkannte sogleich, welches fait accompli hier geschaffen werden sollte. Seit dem Herbst 1961 sind die Westberliner Polizisten verpflichtet, die gleiche Kontrolle auszuüben wie die Volkspolizisten: Sie sollten an die Autofenster klopfen, die Papiere fordern, jedoch nicht zur Einsicht, sondern nur zur Klarstellung, daß sie nicht "kontrollverpflichtet" seien.

Die östlichen Diplomaten indessen wollten nun vermeiden, westlichen und deutschen Polizisten ihre Botschaftspapiere vorzuweisen. So verfielen sie auf die Idee, einen Ausweis des DDR-Außenministeriums zum Beweis ihrer Sonderrechte zu verwenden.

Nach dieser Klärung von Absicht und Gegenabsicht wurde in der Westberliner Senatsverwaltung die Bürokratie in Gang gesetzt. Kluge Juristen fanden, die alliierte Kontrollordnung vom Herbst 1961 werde eigentlich umgangen. Sie schufen eine Ergänzung, wonach jedermann am Checkpoint Charlie als Deutscher betrachtet und behandelt werde, der seine Qualität als Ausländer nicht überzeugend darlege. Und das Papier des DDR-Außenamtes sollte fürderhin nicht mehr zu den "überzeugenden Beweismitteln" gehören. Das war, so schien es den Juristen, ganz im Sinne der Alliierten.

Am 8. April setzte sich das, was die Juristen erdacht hatten, in konkrete Wirklichkeit um: In den frühen Morgenstunden erschien ein Pkw mit einem Zivilisten. Er zeigte das DDR-Papier. Die Beamten baten um den Originalpaß. Der Fremde machte kehrt und ward nicht mehr gesehen. Heinrich Albertz, von dem Vorfall informiert, fand, daß die Sache wunderbar funktioniere. Um die Mittagszeit jedoch erschienen zwei Wagen des Diplomatischen Corps. Die Insassen zeigten ebenfalls das DDR-Papier, verlangten aber, als sie um ihre Originalpässe gebeten wurden, nach einem amerikanischen Offizier. Dieser ließ eine Stunde und zwanzig Minuten auf sich warten. Die Zeit etwa brauchten die Amerikaner der politischen Abteilung, um festzustellen, daß sie über eine neue Verordnung nicht informiert waren. Der Verteiler des Polizeipräsidenten hatte zwar funktioniert, aber diejenigen, die in der US-Mission am 8. April mit der Sache befaßt waren, wußten von gar nichts. So fuhr der amerikanische Offizier zum Checkpoint Charlie mit der Order: Was es nicht gibt, ist sofort aufzuheben. So erhielt das DDR-Papier amerikanische Anerkennung.

Sobald wieder Ruhe in den Gefilden der Westberliner Bürokratie eingekehrt ist, wird eine neue Lösung dieser östlichen Eulenspiegelei wohl ein Ende bereiten. René Bayer