Alle sind auf den Pfad der Tugend eingebogen". Als Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker das in Brüssel zufrieden strahlenden Gesichts feststellte, hatte der europäische Ministerrat Beschlüsse verabschiedet, die eines Tages zu den auf längere Sicht bedeutendsten der EWG-Geschichte zählen werden.

Die Gemeinschaft der Sechs hat sich, getrieben vom Schock drohender Inflation, auf den Weg der wirtschaftspolitischen Union, der behutsamen Verschmelzung von Konjunktur-, Haushalts- und Währungspolitik begeben. Das bedeutet, wie EWG-Präsident Hallstein verkündet, bereits eine politische Teilunion der sechs Staaten, nämlich im Bereich der Wirtschaftspolitik.

Die EWG ist nun im Begriff, sich Handhaben und Organe zu geben, die den Ausbruch einer europäischen Inflation künftig unterbinden und spätestens bis zum nächsten Frühjahr dazu beitragen könnten, die allen 180 Millionen EWG-Europäern aus Italien und Frankreich drohende inflationäre Ansteckungsgefahr durch Beseitigung der Krankheitsherde zu bannen.

Die Zuversicht ergibt sich aus der mühevollen und gründlichen Diskussion der Finanzminister im Brüsseler Ministerrat Anfang dieser Woche. Keiner wollte im Sofortprogramm gegen die Inflation irgendetwas unterschreiben, das im eigenen Lande nicht realisierbar wäre. Keiner der Minister wollte also eine papierene, leere Deklamation.

Dabei handelt es sich bei dem Programm nur um Empfehlungen. Sie verpflichten niemanden. Die Gewissenhaftigkeit der Brüsseler Erörterung zeigt aber, daß die Minister daheim für die akzeptierten Sofortmaßnahmen gegen die Geldentwertung gerade stehen wollen, selbst wenn sie unpopulär sind.

Die Hoffnung, daß sich der Ausbruch einer Inflation in Teilen der EWG mit der Gefahr des epidemischen Übergreifens nicht in dieser Intensität wiederholt, entsteht aus einem zweiten Grund: Der Ministerrat schuf in aller Form vier Organe, die künftig als feste europäische Gremien für den Gleichklang der Wirtschaftspolitik sorgen können. Damit verringert sich das Risiko, daß es ein EWG-Mitgliedsland als währungspolitischer Leichtfuß zur Inflation kommen läßt und damit die anderen Partner gefährdet, die eine Wirtschaftspolitik der Stabilität treiben. Darüber hinaus werden diese Organe bei gemeinsamen Aktionen wie dem neuen anti-inflatorischen Sofortprogramm die Rolle der Wegbereiter und Koordinatoren übernehmen.

Sie sichern den ständigen, engen Kontakt zwischen der Leitung der Zentralbanken. Im "Rat der Notenbankgouverneure" bespricht Bundesbankpräsident Blessing künftig mit seinen EWG-Kollegen die Fragen gemeinsamen Interesses in der Währungs- und Notenbankpolitik. Die sechs Länder gehen sogar über die Vorschrift des EWG-Vertrages hinaus, indem sie sich zur Konsultation vor währungspolitischen Maßnahmen wie Wechselkursänderungen verpflichtet haben. Ein Ausschuß aus Haushaltsexperten vergleicht von nun an jährlich die Einnahme- und Ausgabepläne der Staatshaushalte mit dem Ziel immer besserer Abstimmung. Und schließlich hat man sich auf eine mittelfristige Wirtschaftspolitik für jeweils vier bis fünf Jahre geeinigt, auf eine für die Privatwirtschaft orientierende, die staatliche Wirtschaftspolitik der "Sechs" richtungsweisende Vorausschau. Hier ist die ganze EWG auf den Pfad marktwirtschaftlicher Tugend eingeschwenkt: von Planung spürt man da nichts mehr.