Von Helo von Scheidt

Bei dem Besuch, den deutsche Parlamentarier jüngst in der Türkei gemacht haben, war nicht nur die Politik zu Wort gekommen. Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier besuchte mit seinen Kollegen auch Sehenswürdigkeiten des Landes, unter anderen das Tal von Göreme, das zu sehen jedem empfohlen sei, der seine Ferien in der Türkei verbringt. Hier, in den Tuffsteinfelsen, sind zur Zeit der frühen Christenverfolgung Hunderte von Kirchen und Klöstern entstanden. Die künstlichen Höhlen bergen alte Fresken mit einer Farbkraft, die heute noch leuchtet. Der folgende Bericht handelt von diesem türkischen Tal; er gibt außerdem Auskunft über mancherlei Besonderheiten in diesem Lande.

Die Holzhäuser werfen lange Schatten auf den Sand, als wir vor den Baracken des türkischen Zolls in Ipsala halten. Ringsum Zöllner und Soldaten. Sie sind höflich und freundlich. Es wird eine halbe Nachtfahrt nach Istanbul durch eine Welt, die auf einem unbekannten Stern liegen könnte. Stundenlang geht es über Steingeröll und michnal drängt der Wind die Staubwolken von hinten her vor die Scheinwerfer, daß wir wie in weißen, schäumenden Nebeln fahren. In der lichterlosen Dunkelheit flackern nur hier und da am Rande von Schluchten neben der im Bau befindlichen Straße Holzfeuer, über deren Flammen sich Stra-Senarbeiter an Spießen Fleisch braten.

Auf dem Marmara-Meer schwimmt die goldene Bondinsel Istanbul, Millionenstadt und größter Hafen des Orients, auf den Hügeln Asiens und Europas erbaut, ist eine weitoffene Stadt. Faszinierend mit ihren tausendfältigen Gesichtern. Abstoßend mit ihrem Schmutz und Gestank. Fünfhundert Moscheen krönen das Stadtbild, und in den Wassern des Bosporus spiegeln sich die Paäste der Sultane, letzte Requisiten eines orientalischen Zaubers, der in diesem Lande längst entzaubert wurde.

Unsere Fahrt geht durch die unendlich scheinende Einsamkeit eines Landes, das einer farbenflammenden Wüste gleicht. Einmal verdunkelt ich am sonnengleißenden Himmel die klare Luft. Ein Sandsturm, der fern vorüberzog.

Lehmhütten hinter Lehmmauern. Schattenlose Steppe. Frauen in Pluderhosen und bunten Jacken auf Eseln ziehen den Schleier vors Gesicht, wenn unser Wagen sich ihnen nähert. Sie wollen nicht photographiert werden, ihre Religion verbietet es. Nicht überall herrscht unbefangene Freundlichkeit den Fremden gegenüber. Das Volk lebt vielerorts wieder in der geistigen Gewalt der Hodschas, der mohammedanischen Priester. Fremde? Das sind Ungläubige. In der Moschee von Eyüp in Istanbul liegt als heilige Reliquie ein Schwert. Und noch immer sind Feuer und Schwert die geheimen Symbole des Islam. Er ist eine militante Religion.

Die Straße scheint ohne Ende zu sein, wie die große sonnendurchglutete Einsamkeit Anatoliens. Am Ufer eines Salzsees lagern Kamele. In ihrem Körperschatten schlafen die Hirten in der Mittagshitze. Weit vorn wirbeln Lastwagenräder weißen Staub auf, der sich wie eine auseinanderfließende Wolke über das Land senkt. Es beginnt zu dämmern. Wir erreichen Nersehir, ein Städtchen, ein Dorf. Prachtvoll die Silhouette der alten Häuser im Widerschein des violett verglühenden Himmels. Mit seinen Mauern und Toren wirkt ein jedes wie eine Festung. An den Straßenrändern drängen sich verschleierte Frauen. Männer stehen schwatzend vor den Hauseingängen beisammen. Auf der Straßenmitte, von Staubschleiern umweht, getrieben von den Stockschlägen und Rufen junger Burschen, zieht eine quirlende Masse von Tierleibern: Schafe, Ziegen, Esel, Kühe. Kinder begleiten den Zug mit Geschrei und Hunde kläffen sich heiser