Von Walter Widmer

Nirgends gibt es so viele schiefe Vorstellungen zu korrigieren wie im Verhältnis der deutschen Leser zur französischen Kultur, insbesondere zur französischen Literatur. Gewiß, man will auf der Höhe sein und kennt einige Moderne, Sartre, Camus und Gide etwa, man liest Robbe-Grillet, Cayrol und Nathalie Sarraute, auch die Wahlfranzosen Ionesco und Beckett, kurz, was gerade im Gespräch ist, wie man so schön sagt. Saint-John Perse, Ponge und Michaux sind bereits den Esoterikern unter den Lesern reserviert.

Sonst beschränkt sich diese Kenntnis (im allgemeinen, wohlverstanden) auf das, was man in der Schule durchgenommen hat. Es ist wenig genug; es ist die große Heerstraße der "schulisch" wichtigsten Namen und Werke. Man hat Corneilles "Cid" behandelt, Racines "Phèdre" analysiert, Molières "Avare" zergliedert, sich die "drei Einheiten" eingeprägt und denkt seither meist mit Unmut an die tödliche Langeweile zurück, die alle diese Klassiker damals ausströmten.

Wer Charles den Großen und seine pathetischpreziösen Bravour-Arien kennt, weiß soviel wie nichts über Frankreich und die Franzosen, und wer über eine der modernen Autostraßen, etwa die Nationale Sept, nach dem Midi flitzt, Cannes, Nice und Saint-Tropez zu, sieht eigentlich nur Potemkinsche Dörfer: Tankstellen, Neonlicht, messing- und nickelblitzende Raststätten und Motels, also die Fassade jener amerikanisierten Allerweltszivilisation, die sich überall gleich präsentiert, wo Autler Kilometer fressen. Ein Industriestaat hängt sein Schild aus, man soll wissen: Hier wird nicht mehr gewurstelt, hier wohnt der Fortschritt.

Doch dieses gleißende Frankreich, meine ich, ist nicht das wahre. Frankreichs Leben spielt sich nicht in spektakulären Schaustellungen ab. Saint-Germain-des-Prés ist nicht Paris, sowenig wie Montmartre oder Montparnasse, und Paris ist zwar das kulturelle Zentrum, aber dieses Zentrum wird aus der Provinz gespeist. Dort ruhen die Kräfte, von dort kommt immer wieder die Bluterneuerung.

Das wahre Frankreich lernt man auf Nebenwegen kennen, die Loire entlang, in der Provence abseits des Fremdenverkehrs, in der Auvergne, der Bretagne, im Dauphiné. Das echte Frankreich erschließt sich dem Fremden schwer; es hütet seine Traditionen, seine Bräuche. Nicht nur Frankreichs Uhren gehen anders, auch der sprichwörtliche Gott in Frankreich hat seinen eigenen Himmel, seine eigenen Diener und sein auserwähltes Volk. Dieses verwunschene Land muß man mit der Tarnkappe betreten, sonst gibt es von seinen Eigenarten nichts preis.

Man bedenkt zuwenig, daß Frankreich zwei nebeneinander herlaufende Literaturen besitzt, eine wildgewachsene, eigenständige, volksverbundene und, spätestens seit Ludwig XIV., eine offizielle Literatur, ein repräsentatives, staatlich kontrolliertes und, je nachdem, gefördertes oder behindertes Schrifttum, das sich nach den Wünschen und Ambitionen des Sonnenkönigs zu richten hatte, wollten die Autoren nicht ihre Pensionen und Pfründen verlieren. Diese stille Gleichschaltung äußerte sich beinahe überall, in Thematik und Form, in den Normierungsbestrebungen hinsichtlich der grammatischen Regeln, des Wortschatzes, dessen, was Anstoß oder Wohlwollen erregte, in der strengen Zucht der Stoffwahl, im Rückgriff auf die angeblich klassischen Vorbilder und in vielem mehr.