Von Rudolf Walter Leonhard!

Weimar ist die Stadt der Gedenkstätten: Gedenkstätten nationalen Ruhmes und nationaler Schande, Goethe-Haus und Buchenwald.

"Goethe überwindet alle lokalen und ideologischen Schranken, die ihn an Frankfurt fesseln", er geht nach Weimar, ein "Westflüchtling" gewissermaßen, seiner Zeit um fast zweihundert Jahre voraus. So stellt es der "kurze Wegweiser" dar, den die "Erste sozialistische Arbeitsgemeinschaft des Goethe-Museums" herausgegeben hat.

Ich fürchte, bei dem Versuch, so vorurteilsfrei wie möglich von Beobachtungen und Erfahrungen in der DDR zu berichten, werden die Gänsefüßchen, die ich der DDR selber immer vorenthalten habe, endlich zu ihrem Recht kommen.

Seit fast zweihundert Jahren sind England und Amerika politisch getrennt – aber noch heute können Engländer und Amerikaner sich auf englisch ziemlich mühelos verständigen. Seit noch nicht einmal zwanzig Jahren ist Deutschland geteilt – dennoch ist es schon heute manchmal sehr schwer für einen Hamburger (der noch dazu ganz gut sächsisch kann), einen Leipziger, der marxistisch-leninistisch argumentiert, zu verstehen. "Zu verstehen" meine ich nicht in dem anspruchsvollen Sinn von: seine Auffassungen nachvollziehen können – sondern ganz schlicht: dem, was er sagt und schreibt, einen Sinn abgewinnen können. Das erste deutsch-deutsche Wörterbuch wäre eine löbliche und nützliche Philologentat.

Dabei hatte ich es leichter als meine mehr politisch und ökonomisch engagierten Kollegen: Schriftsteller, Gelehrte, Schauspieler, Regisseure, Künstler aller Art haben sich oft noch eine Unbefangenheit der Sprache bewahrt, die auch demjenigen, der es aufgegeben hat, "sozialistischen Realismus" begreifen zu wollen, unmittelbar verständlich ist.

Alle Bemühungen um eine Definition dieses "sozialistischen Realismus" habe ich aufgegeben, nachdem ich erlebt habe, daß er offenbar nicht nur von einer Jungmädchenfigur à la Klinisch erfüllt wird, sondern ebenso von einer hochinteressanten abstrakten Metallplastik – beide, nur zwanzig Meter voneinander entfernt, zu sehen in Magdeburgs neuem Prunkhotel "International"; daß er in der Musik offenbar etwas ganz anderes bedeutet als in der Malerei; daß Brechts Theater alle Definitionen des sozialistischen Realismus in der Literatur sprengt.