Von Ernst Buchholz

Lassen wir den Maler eingangs sich selbst vorstellen: "Ich werde, so Gott will, in genau anderthalb Jahren achtzig Jahre alt, merke freilich dieses Altwerden schon sehr in meinen Knochen, aber ich kann bis sechs Stunden, ohne Pause, an einem Porträt schuften, daß sich meine beiden Schüler wundern. Dennoch erlebe ich, eine Tragödie beinahe, nun, in meinen späten Jahren, diese nämlich, daß ich durch das viele Porträtmalen nicht mehr zum Schreiben, zum Verfassen komme, das mir immer so lieb und teuer war.

Ich habe das nicht verlernt, behüte, immerfort fällt mir was ein, großartige lange und bewegte Sätze und Einfälle sonder Zahl – aber was nützt das ...

Vor kurzem fand ich mich weinend neben meiner Staffelei, weinend, daß ich nicht mehr Schriftsteller sein kann – bin ich doch der deutschen Sprache wegen nach Deutschland zurückgekehrt und ich bin überzeugt, daß, wäre ich nicht Maler und wäre nicht Hitler gekommen, ich hätte mein Schreiben steigern können und wäre ein guter Schriftsteller geworden."

80 Jahre wird Ludwig Meidner nun an diesem 18. April. Seine große Ausstellung, in Recklinghausen, Berlin und Darmstadt gezeigt, machte das Publikum erst jetzt wieder mit dem Maler bekannt, der, früh berühmt, in Deutschland fast vergessen war.

Von jenen Bildern allerdings, die er malte, als er 1962 den Brief schrieb, aus dem unser Zitat stammt, von jenen späten realistischen Bildern war in der Ausstellung wenig zu sehen. Der Meidner der Gegenwart, der beruhigte, interessiert weniger als der historische. Meidner zwischen 1910 und 1920, der engagierte pathetische Expressionist, Avantgardist der vordersten Reihe, ist der heute wieder aktuelle Künstler, aktuell – das zeigten die Ausstellungen – für Kritik, Literatur, Handel und Publikum.

Engagierte Kunst muß faszinieren in einer Zeit, in der die dominierende Kunst alles andere ist als engagiert. Pathos ist zwar noch nicht wieder Mode, aber es interessiert. Es interessiert besonders dann, wenn ihm der noch immer frische Wind der frühen zwanziger Jahre den Höhenflug gibt.