Von Wolfgang Paul

Wien versinkt hinter uns im Dunst, der Leopoldsberg zeigt an, wo die Stadt blieb, wir fahren nach Osten, ins Burgenland. Das ist eine Landschaft, die schon zur Ostmark der Karolinger gehörte, aber erst 1921 trat sie als Bundesland zu Österreich. Im "Roman Nr. 7" beschreibt Heimito von Doderer ein wenig das "damals noch königlich ungarische Burgenland, also im ganzen der Landstrich zwischen den auslaufenden Bergen der Steiermark und dem tief im Flachlande gelegenen Neusiedler See." Damals, vor dem Ersten Weltkriege, "kamen landwirtschaftliche Gestalten, meist gestiefelt, aus irgendeinem Grunde, auch markthalber, nach Wien herein, Männer und Weiber, in hohen Stiefeln beide. Sie waren friedlich und kauderwelschten erstaunlich, wenn sie nicht überhaupt ungarisch oder kroatisch sprachen".

Der Balkan beginnt nicht nur am Wiener Ostbahnhof; er fängt gleich hinter dem Leithagebirge an, auch jetzt noch, obwohl das Burgenland nun Grenzland gegen den Südosten geworden ist – und nicht mehr, als es noch in einige ungarische Komitate aufgeteilt war, Grenzland nach Nordwesten, wenn auch mit überwiegend deutscher Bevölkerung. Die alte Provinzstadt Ottenburg blieb bei Ungarn, nun windet sich das Land, das österreichische Gendarmerie nach dem erster. Kriege "einnahm", längs der Grenze gegen Ungarn und die Tschechoslowakei nach Süden, Jugoslawien entgegen.

Der Neusiedler See liegt langgestreckt vor uns, eine flache Wasserlache, die man von einem Ufer zum anderen getrost durchwaten mag. wenn man Lust darauf verspürt, Ein breiter Schilfgürtel gibt das Grün, das Wasser ist braun, morastig, von Schlinggewächsen bedeckt. Weinfelder senken sich hinab zum See, auf der östlichen, der Pußtaseite, ist es der Mais, das Korn, die Sonnenblumenaufzucht, von denen die Wirtschaft bestimmt wird.

Die Wiener haben hier, sofern sie überhaupt in dieses Grenzland fahren, ihren Segelsee: man muß freilich, bei Windstille, das Boot an Land schleppen, man kann dabei im Wasser voran waten. Neusiedl am See ist eine Garnisonstadt mit einigem Fremdenverkehr. Wir fahren in den Seewinkel am Ostufer weiter, in die pannonische Ebene, die hier beginnt und irgendwo am Fuße der Karpaten enden soll. Hier sind Erinnerungen an die östliche Ukraine, an weißrussisches Land aufzufrischen, wem es danach ist.

Weiden am See: wie in Neusiedl der schmale Fahrdamm, der sich in den See hinausbegibt, damit man auch ins Wasser komme, denn der Schilfgürtel ist dicht. Dann der Abzweig nach Süden Mais und Wein, Ziehbrunnen und Alleen, ein großer östlicher Himmel, darunter Podersdorf, das einen großen Campingplatz besitzt, die ersten Störche auf den Dächern der niedrigen Häuser und den einzigen Sandstrand am See. Blick hinüber zum fernen Ufer des Sees, über dem das Leithagebirge gemütlich ansteigt. Schöne Sonnenuntergänge, denn man sieht gen Westen. Im Dorf freie Zimmer, billig immer noch – das Burgenland ist das billigste österreichische Bundesland. Ein Naturschutzgebiet schließt sich an, wir gehen zur "Hölle", einem verloren liegendem Gasthaus zwischen Salzlaken und dem See; dort gibt es feurigen Wein und Gulasch. Illmitz ist am einsamsten zwischen Ebene und See. Von Apetlon reitet man in die Pußta, die hier den Namen "Mexiko-Pußta" trägt, bis ins Ungarische hinein. Aber irgendwo tauchen Grenzsperren auf, Wieder nach Norden, auf fast leeren Straßen, St. Andrä mit dem Zicksee. Auch hier Camping, ein Seegasthof, der See selbst etwas tiefer, einsam, ohne Bäume, hineingelagert in die Pußta: klares Wasser. Ein Ort für Einsiedler: Zicksee.

Um den See auf das Westufer, das Rust vorzeigt, das größte Storchen-"Nest" des Burgenlandes: Dort sitzt Adebar mit Familie auf jedem Dach. Häuser, die von oben nach unten den Ort beleben mit diesen großen Vögeln. Sonst hat sich Rust wie das nahegelegene Mörbitz für den Fremdenverkehr ausgestattet. Das ist nichts Neues, aber der See gibt doch allem Weite, obwohl die üblichen Vorzüge des Tourismus auch hier so vieles schon allgemein machen.