Von Gottfried Sello

Der Deutsche Künstlerbund ist nach sieben Jahren wieder in Berlin. Damals, 1957, stand Berlin im Zeichen der "Interbau", der Künstlerbund paßte sich an mit seiner Sonderschau "Kunst am Bau".

Diesmal, weil der Künstlerbund Geburtstag feiert, den 60. – wenn man von der Zwangspause absieht zwischen 1936 und 1950 – präsentiert er sich in dreierlei Gestalt, in drei Zeiten: Präsens, Perfekt, Futurum.

Die eigentliche Jubiläumsschau, der historische Teil, zeigt in der Akademie der Künste 240 Arbeiten der verstorbenen Mitglieder des Künstlerbundes aus den Jahren 1904 bis 1936. Was für ein Aufgebot von großen Namen, welche Fülle von unvergessenen und vergessenen Talenten! Für diese herrliche Retrospektive zeichnet nicht, wie das sonst üblich ist, ein ganzes Gremium von Fachleuten, auch keine Künstlerjury verantwortlich. Sie ist das Werk eines einzigen Mannes, Eberhard Seel, der die Künstler und die Arbeiten in deutschen Museen und Privatsammlungen ausgesucht hat, ohne zu fragen, wie sie sich in das Klischee des historischen, Ablaufs, der Stilgeschichte einfügen, der sich auch und gerade für die Außenseiter’ interessiert, für überraschende Nebenwege.

Natürlich, auch der Künstlerbund war, als er sich 1903 in Weimar konstituierte und 1904 zum erstenmal in München ausstellte, ein Protest: gegen die offizielle Kunstdoktrin, gegen die Kulturpolitik von Kaiser und Reich und ihren Repräsentanten Anton von Werner. Künstler schließen sich immer nur zusammen, um zu protestieren.

Harry Graf Kessler, der Initiator des Künstlerbundes, hatte seine kämpferischen Ziele proklamiert, gegen die Regierung, für das Prinzip der Freiheit: "Der Deutsche Künstlerbund soll der deutschen Kultur ein Arm, im nötigen Falle eine Faust werden, die die Eigenart der Kunst schützt und deren rechte Geltung durchsetzt." Aber der Künstlerbund ist trotz solcher starken Worte keine revolutionäre Gründung. Er war nicht einmal eine "fortschrittliche Künstlervereinigung", wie bei Knaur im "Lexikon der modernen Kunst" definiert wird.

Die Jubiläumsschau zerstört die fortschrittlich revolutionäre Legende vollends. Die Revolte geschah ein Jahr später, und nicht in Weimar, sondern in Dresden, wo sich die "Brücke" etablierte. Auch die "Brücke"-Maler stoßen um 1910 zum Künstlerbund, und sie treffen auf dieser so erstaunlich breiten Plattform mit ihren künstlerischen Antipoden zusammen.