Die amerikanischen Neger haben seit Freitag einen neuen beredten Fürsprecher: Edward Kennedy, den 32jährigen jüngsten Bruder des ermordeten Präsidenten. Bei der Senatsdebatte über die Bürgerrechtsvorlage, in seiner Jungfernrede als Senator, sagte er, im Gedenken an den großen Bruder: "In dieses Gesetz hat er sein Herz und seine Seele hineingelegt. Sollen sein Leben und sein Tod etwas bedeutet haben, dann war es dies: Wir sollen einander nicht hassen, sondern lieben."

Aber zur selben Stunde loderte der Haß in neuen Rassenkrawallen empor. In Baltimore wurde Verda Welcome, einzige schwarze Senatorin im Bundesstaat Maryland, durch zwei Schüsse verletzt. Mrs. Welcome hatte viele Demonstrationen gegen die Rassendiskriminierung in Hotels und Gaststätten organisiert. Einem anderen Demonstrantenführer, dem 27jährigen prostestantischen weißen Geistlichen Bruce Klunder in Cleveland im Staate Ohio, erging es weit schlimmer: Er wurde von einem Räumbagger zu Tode gequetscht, als er durch eine Demonstration den Bau einer Volksschule verhindern wollte, die nur für weiße Kinder bestimmt war. Blutrünstige Töne ließ Malcolm X, Chef der radikalsten Negerorganisation, vernehmen: "Auf beiden Seiten muß Blut fließen!" Er will die USA vor den UN des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Mordes an 22 Millionen Negern anklagen.

Näherliegende Ziele, mit friedlichen Mitteln, steuert Negerpastor Martin Luther King an, der möglichst viele Farbige an die Wahlurnen bringen will. In den meisten Südstaaten müssen die Neger vor der Wahl einen Fragebogen ausfüllen. Die "Gewaltlosen-Komitees" wußten diese Hürde zu umgehen, indem sie Unterricht in Staatsbürgerkunde erteilen.

Die Stärke des Widerstands gegen die Gleichberechtigung der Neger konnte man am Ergebnis der "primaries" in Wisconsin ablesen. Zwar siegte bei den Demokraten der Kandidat Präsident Johnsons mit mehr als 500 000 Stimmen, doch sammelte sein Rivale, der demokratische Gouverneur von Alabama, George Wallace, ein Gegner der Rassenintegration, mehr als 260 000 Stimmen, darunter viele republikanische. Wallace, der nur mit einem Zehntel davon gerechnet hatte, triumphierte: "Wir gewannen, ohne zu siegen!" Der Mythos seines "Sieges" blieb nicht ganz ohne Wirkung auf die Senatoren. Mehr denn je hoffen die Südstaatler unter den Demokraten, Präsident Johnson durch "Filibustern" unter Zeitdruck zu setzen und zu Kompromissen zu zwingen.